Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.08.2017


Film und TV

Die Eskapaden eines zwielichtigen Künstlers

Stanley Tucci beobachtet in „Final Portrait“ mit ironischer Distanz 18 Modellsitzungen im Pariser Atelier von Alberto Giacometti.

© Filmladen



Von Peter Angerer

Innsbruck – Es war die Kunstsammlerin und Mäzenin Peggy Guggenheim, die in den Dreißiger-Jahren erstmals eine Gipsskulptur („Die Frau mit der durchschnittenen Kehle“) von Alberto Giacometti in Bronze gießen ließ. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg nach Paris zurückkehrte, sah sie die Figur „zu meinem Schrecken praktisch überall”, schrieb sie in ihrer Autobiografie, „obwohl ich annehmen möchte, dass die Zahl der Abgüsse sich auf ungefähr sechs beschränkt haben muss“.

Zuletzt erzielte Giacomettis fragile Bronzeskulptur „Zeigender Mann“ 2015 bei einer Christie’s Auktion einen Erlös von 141 Millionen Dollar, fünf Jahr zuvor war ein „Schreitender Mann“ für 104 Millionen versteigert worden. Wenn der Kunstkritiker James Lord (Armie Hammer) in Stanley Tuccis Film „Final Portrait“ 1964 erstmals das Atelier des Künstlers betritt, sehen wir also Kunst im Milliardenwert. Und um uns ein Gefühl für die Relationen zu vermitteln, kommt Pierre Matisse (James Faulkner), der Sohn des Impressionisten Henri und einer der führenden Kunsthändler in New York, in die verwahrloste Bude, um Giacometti (Geoffrey Rush) in einem braunen Kuvert diskret zwei Millionen Francs in großen Scheinen zu überreichen.

Geld bedeutet dem Exzentriker allerdings nichts. Er kauft der Prostituierten und seinem Lieblingsmodell Caroline (Clémence Poésy) eine funkelnde Limousine aus Bayern, obwohl seine Frau Annette (Sylvie Testud) einen neuen Mantel zu schätzen wüsste. Und wenn Lord ein paar Stunden erübrigen könnte, würde er ihn gerne malen. Der Amerikaner, der sich mit einem Aufsatz eben Giacomettis Wertschätzung erringen konnte, hat für den folgenden Tag zwar seinen Rückflug gebucht, aber warum soll nicht mit einer Sitzung ein neues Kapitel in der Kunstgeschichte aufgeschlagen werden? Bereits die erste Einschätzung Giacomettis dieses freundlichen und Arglosigkeit ausstrahlenden Gesichts müsste als Warnung verstanden werden und das Modell die Flucht ergreifen lassen, denn „wenn ich Sie male, wie ich Sie sehe, werden Sie sofort verhaftet“. Aber das ist noch die gute Nachricht.

Lord, mit den Bildwerken Giacomettis vertraut, sieht die Pinsel ins Graue und Schwarze rühren, Stunden später riskiert er einen Blick auf die Leinwand – und? Also nicht gerade das erwartete Meisterwerk. „Nicht übel“ zu sagen, ist vielleicht kein einem Modell zustehender Kommentar, doch immerhin ein Giacometti und mit passender Signatur schon wieder ein Vermögen wert. Aber was macht Giacometti? Er verschmiert mit einem dicken Pinsel das düstere Porträt und sagt, „das ist nichts. Machen wir morgen weiter?“. So geht das 18-mal. Lord gab für die Umbuchungen seiner Flüge ein Vermögen aus, aber – ein Jahr später – zur Präsentation des Porträts im Museum of Modern Art erschien sein Essay „A Giacometti Portrait“ und 1986 seine große Giacometti-Biografie.

Wie in allen seinen gelegentlichen Regiearbeiten begegnet der Filmstar Stanley Tucci auch in „Final Portrait“ seinen Protagonisten mit ironischer Distanz. Seine Annäherung an den Bildhauer und Maler Alberto Giacometti (1901–1966) ist eher Farce denn Biopic. Die nach Tagen strukturierte Erzählung inszeniert Tucci als Machtspiel. Der Künstler nimmt seinen Biografen als Gefangenen, macht ihn zum Zeugen von Eskapaden und seines zwiespältigen Charakters. Als Giacomettis Bruder Diego mahnt Tony Shalhoub in virtuoser „Monk“-Manier zur Vorsicht im Umgang mit dem Künstler und schon nach der dritten Sitzung können auch wir uns dieser Faszination, die auch mit Geoffrey Rush zu tun hat, nicht mehr entziehen.


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