Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.10.2017


Eine fantastische Frau

Ein Kampf gegen die Anständigen

In Sebastián Lelios Transgenderdrama wehrt sich „eine fantastische Frau“ gegen die Repressionen der obszönen chilenischen Gesellschaft.

In "Eine fantastische Frau" erzählt die in Chile bekannte Sängerin Daniela Vega als Darstellerin der Marina auch von eigenen Erfahrungen.

© PolyfilmIn "Eine fantastische Frau" erzählt die in Chile bekannte Sängerin Daniela Vega als Darstellerin der Marina auch von eigenen Erfahrungen.



Innsbruck – Der Textilunternehmer Orlando (Francisco Reyes) lässt sich mit einer Massage verwöhnen. Entspannt sucht er ein Tanzlokal auf, in dem er den Blickkontakt zur Sängerin sucht. Marina (Daniela Vega), die seine Tochter sein könnte, wirft den Blick mit einem verheißungsvollen Versprechen zurück. Doch Orlando und Marina sind längst ein Paar, das die Rituale des Verliebtseins zelebriert. Dieser Abend soll ein besonderer werden, aber Orlando beginnt zu taumeln, stürzt vor seiner Wohnung über die Treppe. In der Klinik lassen die Wunden den Verdacht eines Verbrechens aufkommen, obwohl die Todesursache nichts mit Gewalteinwirkung zu tun hat. In Marinas Ausweis steht der Vorname Daniel, schon liegt der Geruch von Perversion in der Luft. Damit beginnt für die „fantastische Frau“ in Santiago de Chile ein Passionsweg durch ein Labyrinth, in dem Augen lauern, die mit den giftigen Pfeilen der Verachtung schießen.

Mit seinem Film „Gloria“ über eine ältere Frau, die in Tanzklubs und bei Single-Treffen ihrer Einsamkeit zu entkommen versucht, gelang dem aus Argentinien stammenden Regisseur Sebastián Lelio – nach dem Berlinale-Triumph – der Programmkino-Überraschungshit des Jahres 2013. Der Film erregte die Aufmerksamkeit der Produzentin und Regisseurin Maren Ade („Toni Erdmann“), die mit ihrer Firma „Eine fantastische Frau“ produzierte. Bei der diesjährigen Berlinale wurde die Arbeit mit dem Silbernen Bären und dem Teddy-Award für den Besten Queer-Film belohnt. Zumindest letzterer Preis dürfte eine Geste für die Transgender-Szene in Chile sein, wo Abweichungen von der Norm mit Repression begegnet wird.

Marina muss auf der Gerichtsmedizin eine demütigende Untersuchung ihres Körpers über sich ergehen lassen. Orlandos Sohn Bruno (Nicolas Saavedra) entführt sie, um sie mit einem Klebeband verschnürt wie ein geschundenes Fleischpaket aus dem Auto zu werfen. Die Auftritte neugieriger Beamter und der johlenden Rächer der Anständigen stellen auch das Publikum, das angeblich wissen möchte, wie diese transsexuelle Metamorphose vor sich geht, unter einen voyeuristischen Generalverdacht. Im schönsten Bild des Films muss sich Marina gegen einen Orkan stemmen, um nicht davonzufliegen. Der Symbolimus zerbricht jedoch an Marinas masochistischer Lust, sich allen Erniedrigungen auszusetzen. (p. a.)

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