Letztes Update am Mi, 11.10.2017 17:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Harvey Weinstein

Gwyneth Paltrow: „Ich dachte, du bist mein Onkel Harvey“

Harvey Weinstein soll über drei Jahrzehnte lang regelmäßig junge Frauen sexuell belästigt haben. Darunter auch Gwyneth Paltrow. Das Verhalten des Filmmoguls war in Hollywood offenbar ein offenes Geheimnis.

© Reuters/Mike BlakeHarvey Weinstein.



Von Monika Schramm

Los Angeles, New York – 1994, Los Angeles. Gwyneth Paltrow ist 22 Jahre alt und hat gerade die Hauptrolle in der Jane-Austen-Verfilmung von „Emma“ ergattert. Bevor die Dreharbeiten beginnen, wird sie zu einem Arbeitstreffen mit Harvey Weinstein in seine Suite im Peninsula Beverly Hills Hotel geladen. Die junge Schauspielerin denkt sich nichts dabei, schließlich kommt das Fax von ihrer Agentur. Und der Filmproduzent hatte sie ja engagiert.

Das Treffen beginnt völlig normal – und endet damit, dass Harvey Weinstein seine Hand auf ihre legt. Dann schlägt er vor, ins Schlafzimmer zu gehen und sich gegenseitig zu massieren. „Ich war ein Kind, ich hatte einen Vertrag, ich war starr vor Angst“, sagt sie nun der New York Times (NYT). Sie weist seine Avancen zurück, verlässt das Zimmer, fährt völlig fassungslos nach Hause. „Ich dachte, du bist mein Onkel Harvey“, sei ihr damals durch den Kopf gegangen. Sie habe den Filmmogul immer für einen Mentor gehalten, erklärt sie.

Harvey Weinstein

Harvey und Bob Weinstein gehören zu den erfolgreichsten Filmproduzenten Amerikas. Als Begründer des Studios Miramax (1979) brachten die beiden Independent-Hits wie „Pulp Fiction“, „Der englische Patient“, „Good Will Hunting“ und „Shakespeare in Love“ in die Kinos. 1993 veräußerten sie das Unternehmen an Walt Disney Co., führten es aber aktiv weiter. Miramax heimste in nur 15 Jahren 249 Oscar-Nominierungen und 60 Oscar-Trophäen ein. 2005 gründeten die Brüder eine neue Firma, The Weinstein Company (TWC).

Paltrow erzählt Brad Pitt – ihrem damaligen Freund – von den Vorkommnissen. Wenig später bei einer Theaterpremiere konfrontiert der Schauspieler Weinstein und fordert ihn auf, seine Freundin nie wieder anzufassen. Das bestätigt Pitt auch gegenüber der NYT. Paltrow vertraute sich auch einigen Freunden, Angehörigen und ihren Agenten an. Noch einmal bittet der Filmproduzent kurz danach die 22-Jährige zum Gespräch. „Er hat mich lange angeschrien. Es war brutal.“ Sie habe Angst gehabt ihre Rolle als „Emma“ zu verlieren, habe sich aber verteidigt. Am Ende wird als „First Lady“ von Miramax bezeichnet, bekommt 1999 einen Oscar für ihre Rolle in „Shakespeare in Love“. Insgesamt wird die Miramax-Produktion mit sieben Trophäen ausgezeichnet.

„Es wurde erwartet, dass ich das Geheimnis für mich behalte“, sagt Paltrow. Öffentlich lobt sie Weinstein, posiert für Bilder, spielt den strahlenden Star des mächtigen Produzenten. Doch die Beziehung wird mit den Jahren schwieriger, sie distanziert sich mehr und mehr. „Er war abwechselnd großzügig und unterstützend, und dann strafend und tyrannisierend“, sagt sie im Interview.

„Frauen so zu behandeln endet jetzt“

Wieso sie jetzt spricht? Weil sie die Frauen unterstützen will, die schon von den sexuellen Übergriffen Weinsteins berichtet haben. Und denen helfen will, die sich in ähnlichen Situationen befinden. „Wir haben einen Punkt erreicht, an dem Frauen eine klare Botschaft senden müssen, dass das jetzt vorbei ist“, sagt Paltrow. „Frauen so zu behandeln endet jetzt.“

Seit die New York Times vergangenen Donnerstag die Missbrauchsfälle publik gemacht hat, melden sich immer mehr Frauen zu Wort. Die Zeitschrift The New Yorker hat am Dienstag eine Artikel veröffentlicht, in dem 13 Frauen detalliert über sexuelle Übergriffe Weinsteins auf sie berichten. Sogar von Vergewaltigung und erzwungenem Sex ist die Rede. Über seine Sprecherin lässt der Filmproduzent die Vorwürfe zurückweisen. Es sei nie zu sexuellen Akten ohne gegenseitiges Einverständnis gekommen. „Mister Weinstein hat weiters bestätigt, dass es keinerlei Vergeltungsmaßnahmen gegen Frauen gegeben habe, die seine Avancen abgelehnt haben.“

Harvey Weinstein traf 2014 in New York auch Prinz Williams Frau Kate. Der Produzent wurde von Queen Elizabeth 2004 ehrenhalber zum "Commander of the Order of the British Empire" (CEB) ernannt.
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Geschrieben hat den Artikel Ronan Farrow, Sohn von Regisseur Woody Allen und Schauspielerin Mia Farrow. Zehn Monate hat er für den New Yorker recherchiert. Dabei hat er auch Tonbandaufnahmen der New Yorker Polizei entdeckt. Das Model Ambra Gutierrez wurde 2015 mit einem Mikrofon ausgestattet, nachdem sie Weinstein wegen sexueller Übergriffe angezeigt hatte. Darauf ist zu hören, wie er die junge Frau dazu überreden will, mit auf sein Zimmer zu kommen. Dort will er eine Dusche nehmen. Warum er ihr am Tag zuvor an die Brust gefasst habe, will sie wissen. „Ich bin daran gewöhnt“, sagt er. „Es tut mir leid.“ Ein Verfahren wurde am ende jedoch nicht eröffnet, es habe zu wenige Beweise gegeben, hieß es von Seiten der Justiz.

Neben prominenten Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Ashley Judd und Rose McGowan haben auch ehemalige und derzeitige Mitarbeiterinnen Weinsteins Anschuldigungen erhoben. Insgesamt sind es mittlerweile rund 20. Frappierend die Ähnlichkeiten in ihren Schilderungen: Von nächtlichen Treffen in Hotelzimmern, Weinstein im Bademantel oder nackt, im Badezimmer oder im Schlafzimmer, der Massagen will, Oralverkehr fordert, sie anfasst oder sich selbst befriedigt.

Viele der ungewollten Begegnungen haben sich zwischen den 1990er Jahren bis etwa 2015 abgespielt. Die Frauen sind zum Zeitpunkt in ihren 20ern aber auch bis Mitte 40 Jahre alt. Geschwiegen haben sie bislang, weil sie Angst um ihr Engagement hatten. Angst, keine Rollen mehr zu bekommen. Angst, dass Anschuldigungen gegenüber einem Titan der Filmindustrie nach hinten losgehen könnten, ihren Ruf und ihre Karriere zerstören. Außerdem gab es meist keine Zeugen.

Offenbar wussten viele Bescheid

Dabei ist das Verhalten des Filmproduzenten in Hollywood offenbar schon lange ein offenes Geheimnis. Als 2013 die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben werden, witzelt Seth MacFarlane: „Glückwunsch, ihr fünf Ladies müsst nicht länger so tun als wärt ihr von Harvey Weinstein angezogen.“ Die Zuschauer lachten.

Georgina Chapman hat sich von ihrem Ehemann Harvey Weinstein getrennt.
- AFP

Über fast drei Jahrzehnte hat Harvey Weinstein offenbar Frauen regelmäßig belästigt, berichtet die New York Times. Belegt seien die Vorwürfe anhand von Interviews, E-Mails, internen Dokumenten aus seiner Firma und auch Rechtsdokumenten. Demnach haben mindestens acht Frauen außergerichtliche Einigungen mit Weinstein erzielt und sind finanziell entschädigt worden. Laut NYT haben sie zwischen 80.000 und 140.000 US-Dollar erhalten und sind zum Stillschweigen verpflichtet worden. Auch Mitarbeiterverträge enthalten eine so genannte „Nondisclosure“-Klausel. Das heißt, Mitarbeiter dürfen nicht über Vorgänge in der Weinsteinfirma sprechen. Dabei haben viele gewusst, was ihr Boss treibt. Enge Mitarbeiter haben die Treffen arrangiert, die Frauen zu ihrem Chef gebracht – und manche dem Bericht zufolge auch begleitet, wenn sie aufgelöst aus dem Zimmer kamen.

The New Yorker schreibt, dass im laufe der vergangenen Jahre immer wieder das Magazin selbst, aber auch andere Medien über das angeblich ungebührliche Verhalten Weinsteins recherchiert hätten. Doch am Ende hätten zu wenige Menschen sich getraut darüber offen zu sprechen. Zu wenige seien bereit gewesen, sich namentlich zitieren zu lassen. Und Weinstein und seine Anwälte hätten mit den Stillschweige-Abkommen und drohenden rechtlichen Schritten ihr Übriges dazu getan. In einem Memo einer Mitarbeiterin von 2015, das die New York Times veröffentlich hat, schreibt sie: „Ich bin eine 28-jährige Frau, die versucht, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Harvey Weinstein ist ein 64 Jahre alter, weltberühmter Mann und das ist seine Fimra. Das Kräfteverhältnis ist Ich: 0, Harvey Weinstein: 10.“

Der Produzent ist mittlerweile seine Job los, er wurde von seiner eigenen Firma entlassen. Georgiana Chapman hat ihren Mann Harvey Weinstein verlassen. „Mein Herz bricht für alle Frauen, die wegen dieser unverzeihlichen Handlungen unter so ungeheuerem Schmerz leiden mussten. Ich habe mich entschieden meinen Mann zu verlassen“, lässt die 41-Jährige in einem Statement gegenüber dem People Magazine wissen. Ihre beiden kleinen Kinder – sie sind sieben und vier Jahre alt – seien nun ihre Priorität. Wie das Magazin weiter berichtet, will sich Weinstein in eine Klinik begeben, um sich therapeutisch behandeln zu lassen.