Letztes Update am Do, 12.10.2017 16:53

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Weinstein-Skandal

Oscar-Akademie berät über Ausschluss von Harvey Weinstein

Der britische Filmverband BAFTA hat die Mitgliedschaft des Filmproduzenten im Zuge der Sexvorwürfe bereits ausgesetzt. Die New Yorker Polizei leitete eine Untersuchung ein.

Harvey Weinstein soll seine Stellung jahrelang ausgenutzt haben, um sich an Schauspielerinnen ranzumachen und sie sexuell zu bedrängen.

© AFPHarvey Weinstein soll seine Stellung jahrelang ausgenutzt haben, um sich an Schauspielerinnen ranzumachen und sie sexuell zu bedrängen.



Los Angeles – Die Oscar-Akademie will am Samstag in einer Dringlichkeitssitzung über den möglichen Ausschluss von Filmproduzent Harvey Weinstein wegen dessen mutmaßlicher sexueller Übergriffe beraten. Das in den Vorwürfen beschriebene Verhalten Weinsteins sei „widerlich, abscheulich und gegensätzlich zu den hohen Standards der Akademie und der kreativen Gemeinschaft, für die sie steht“, zitierte der Hollywood Reporter aus einem Statement der Academy.

Weinstein ist seit mehr als 20 Jahren Mitglied des mächtigsten Verbands der US-Filmindustrie. Seine mit den Miramax-Studios und der Weinstein Company produzierten Filme wurden von der Academy mit insgesamt 81 Oscars ausgezeichnet. Fünf davon gewannen den Oscar als bester Film, für „Shakespeare in Love“ gewann Weinstein persönlich den Oscar als bester Produzent. Der US-Frauenverband NOW rief dazu auf, Weinstein die Mitgliedschaft zu entziehen.

Am Mittwoch hatte bereits der britische Filmverband BAFTA Weinsteins Mitgliedschaft ausgesetzt. Das Filmfestival Cannes, wo Weinstein seit Jahren zu den bekanntesten Gästen zählt, zeigte sich in einer Mitteilung „bestürzt“ über die Vorwürfe.

Polizei leitete Untersuchungen ein

Der Skandal um mutmaßliche sexuelle Attacken hat für den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein möglicherweise auch juristische Folgen. Die New Yorker Polizei leitete eine Untersuchung zu einem Vorfall von 2004 ein, wie ein Behördensprecher am Donnerstag sagte. Details wollte er nicht nennen.

Nach Informationen der Zeitung Daily News geht es um den Fall der Schauspielerin Lucia Evans. Sie wirft Weinstein vor, er habe sie unter einem Vorwand in ein Hotelzimmer gelockt und zum Oralsex gezwungen. Evans gehört zu einer Gruppe von drei Frauen, die laut Recherchen des Magazins New Yorker den Film-Mogul der Vergewaltigung beschuldigen.

Die Polizei in London erwägt anscheinend ein Ermittlungsverfahren gegen Harvey Weinstein. Das berichteten britische Medien am Donnerstag. Scotland Yard bestätigte, dass die Polizei den Vorwurf eines sexuellen Übergriffs prüfe, der von den Kollegen in Liverpool weitergeleitet worden sei. Details veröffentlichte die Polizei jedoch nicht.

Bruder Bob: „Er ist ein sehr kranker Mann“

Die New York Times berichtete unterdessen, dass Mitarbeiter der von Weinstein mitgegründeten Produktionsfirma seit mindestens zwei Jahren von den Vorwürfen gegen den Produzenten wussten. Der Vorstand sei über Einigungen mit drei oder vier Frauen informiert worden, sagte Anwalt David Boies der New York Times (Donnerstag) zufolge – er vertrat Weinstein im Jahr 2015. Das Unternehmen hatte die Vorwürfe erst als „totale Überraschung“ bezeichnet.

Bob Weinstein bezeichnete seinen älteren Bruder Harvey als „sehr kranken Mann“ und einen „weltklasse Lügner“. In einem Statement gegenüber der US-Promiseite TMZ heißt es weiter: „Ich habe ihn gedrängt, sich sofort professionelle Hilfe zu nehmen, denn die braucht er dringend. Seine Reue und seine Entschuldigungen den Opfern gegenüber sind hohl.“ Das Klatschportal berichtet weiter, dass Harvey Weinstein am Mittwochabend Los Angeles in einem Privatjet verlassen habe. Er soll sich demnach nach Arizona in eine Therapieeinrichtung begeben haben. (dpa, smo)