Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.12.2017


Film und TV

“Hikari — Radiance“: Lektionen über das Leben und das Kino

In Naomi Kawases anrührendem Film „Hikari – Radiance“ sucht eine junge Frau nach den richtigen Worten, um die Wirklichkeit zu ertragen.

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© Filmladen



Innsbruck – Ein alter Mann stolpert über einen Sandstrand, vorbei an einer „Sandstatue“, bis er das Meer erreicht und „voller Hoffnung in die Abendsonne“ schaut. Sofort gibt es Protest, denn die blinden Menschen im kleinen Vorführraum fühlen sich von den Bildbeschreibungen entweder im Stich gelassen oder empfinden wie Nakamori (Nagase Masatoshi, der japanische Tourist in „Mystery Train“ und „Paterson“ von Jim Jarmusch) die Interpretation als „aufdringlich“. Was soll man sich unter einer Sandstatue vorstellen? Misako (Ayame Misaki), die Audiodeskriptionen für blinde und sehbehinderte Kinogeher schreibt, ist gerade dabei, die Filmsprache zu erlernen und glaubt an ein Kino, das „ein handfestes Gefühl von Hoffnung“ vermittelt.

Bei der Figur im Sand handelt es sich um einen liegenden Frauenakt, der mit der ersten Welle der abendlichen Flut zu einem Symbol der Vergänglichkeit von Liebe und Leben wird. Gewissenhaft erkundigt sich Misako nach der richtigen Deutung beim Regisseur des Films, der auch den alten Mann und damit sich selbst in einem Zustand des Zweifels spielt. Misako entscheidet sich in der neuen Hörfassung für eine neutrale Beschreibung. Der alte Mann blickt nun „zum Himmel, vollkommen regungslos“. Das kann es natürlich auch noch nicht sein, aber um den einzigen in Frage kommenden Satz zu finden, der die Fantasie der Kinogeher beflügelt, muss Misako schmerzhafte Lektionen über das Leben und das Kino absolvieren.

Mit ihrem Film „Kirschblüten und rote Bohnen“ (ebenfalls mit Nagase Masatoshi) gelang der japanischen Regisseurin Naomi Kawase 2015 nicht nur ein weltweiter Erfolg in den Programmkinos, beim Abhören der Blindenfassung entdeckte sie außerdem die Geschichte zu „Hikari – Radiance“. Der Titel meint den Augenglanz, wenn die Rührung ihr Ziel erreicht hat.

Misakos Bemühungen, der Welt mit einer hoffnungsvollen und verfälschenden Wahrnehmung zu begegnen, haben auch mit ihrer Geschichte zu tun. Die Demenzerkrankung ihrer Mutter zwingt sie zu Suchaktionen. Nakamori, ein ehemals berühmter Fotograf, begegnet der Bildbeschreiberin mit Aggressivität, weil er sich mit dem Verlust seiner Sehkraft nicht abfinden kann. Beide Geschichten verknüpft der Film mit blassen Schemen, die von der Erinnerung geblieben sind oder Dinge und Menschen verschwimmen lassen, bis Misako eine Wirklichkeit entdeckt, die sich nicht immer freundlich präsentiert, aber auch nicht zu ändern ist. Nur das Kino erlaubt in den Momenten der Erkenntnis einen Sonnenstrahl. (p. a.)