Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 03.01.2018


Kino

„The Greatest Showman“: Ein Hoch auf den Humbug

Großes Gefühls-Kino: „The Greatest Showman“ erzählt mit bombastischer Bildgewalt und einem mitreißenden Soundtrack die Geschichte des Profi-Träumers P. T. Barnum.

© CentfoxHugh Jackman als Phantast P. T. Barnum, der das Anderssein zur Kunstform erhoben hat.



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Haben Sie schon Ihr Jahreshoroskop studiert? Und: Glauben Sie den – mit Verlaub – Humbug, den einem die Sternendeuter da so auftischen? Wäre nicht weiter verwunderlich, denn vor dem „Barnum-Effekt“ ist so gut wie niemand gefeit. Zur Erklärung: 1948 ließ der US-Psychologe Bertram R. Forer seine Studenten einen Persönlichkeitstest ausfüllen und legte ihnen im Anschluss scheinbar höchstpersönliche Testauswertungen vor. Die Studenten fühlten sich erkannt und verstanden, bis sie begriffen, dass jeder Einzelne von ihnen die exakt gleiche Charakterbeschreibung ausgehändigt bekommen hatte. Der Mensch lässt sich offenbar gern täuschen – womit wir bei Phineas Taylor „P. T.“ Barnum wären, dem Meister der Täuschung, dem König des Humbugs, der im New York der 1840er-Jahre ein Kuriositätenkabinett aus dem Boden stampfte, in dem er unter anderem eine Fidschi-Meerjungfrau präsentierte, die halb Affe, halb Fisch war – und ihm ein volles Haus bescherte. Dass er die Kreatur selbst zusammengezimmert hatte, war den staunenden Zuschauern einerlei: Der Bluff war nämlich verblüffend gut gemacht.

„The Greatest Showman“ ist’s auch. Aber Obacht: Das Spielfilm-Debüt des australischen Werbefilmers Michael Gracey ist nichts für Kitsch-Verächter. Wer’s leise mag, ist hier ganz falsch. Wer sich vor großen Emotionen scheut und an Coca-Cola-Werbesongs gemahnende Musical-­Ohrwürmer für Lärmbelästigung hält, sollte einen Bogen um das cineastische Spektakel machen, in dem ein euphorisierter Hugh Jackman mit Zylinder auf dem Kopf einen Mords-Zirkus veranstaltet. „The Greates­t Showman“ wirkt wie eine pompöse Mischung aus Song-Contest-Finale und Oscar-Eröffnung – und weckt in seiner bombastischen Bildgewalt Erinnerungen an Baz Luhrmans „Moulin Rouge“. Großes Kino at its best. Wenn man großes Kino mag.

Der Musical-erprobte Hugh Jackman, der für die Darstellung des Jean Valjean in „Les Miserables“ 2012 mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, schlüpft dabei in den Zirkus-Frack des Profi-Träumers P. T. Barnum, der sich schon als am Hungertuch nagender Bub in eine prunk­volle Manege sehnt – und in eine Welt, die er sich letztlich selbst erschaffen muss. Mit seiner Jugendliebe Charity (eine etwas zu glatt geföhnte Michelle Williams) macht er alsbald das Unmögliche möglich – und eine bärtige Frau (Keala Settle), einen Winzling in Offiziersuniform (Sam Humphrey als General Tom Thumb), eine schwarze Akrobatin (Disney-Star Zendaya) und andere von der Gesellschaft geächtete Außenseiter zu den Stars seiner Show der Andersartigkeit, die ein kunstbeflissener Zeitungskritiker empört als „Humbug“ abtut. Doch Barnum weiß: Auch schlechte Werbung ist Werbung. Und so pappt er sich die Schmähung auf seinen Zylinder – und beobachtet breit grinsend, wie die Massen in sein Universum der Phantasie strömen.

Doch Barnum will nicht nur die Masse, er will auch die Elite für sich einnehmen. Dabei helfen soll ihm der gut situierte Dramatiker Philipp (Zac Efron), der ihm dabei hilft, die schwedische Opernsängerin Jenny Lind (Rebecca Ferguson) für eine Welttournee zu verpflichten: Als plötzlich nicht nur der Pöbel, sondern auch die Queen höchstselbst applaudiert, steigt dem Impresario der Ruhm aber schön langsam zu Kopf. Denn, wie sagt Barnum so entwaffnend ehrlich: „Ich wollte immer mehr sein, als ich war.“

„The Greatest Showman“ wiederum ist ein fabelhaft gemachtes Musical-Tamtam, das mit zauberhaften Freaks, einer kitschig-süßen Liebesgeschichte (wenn Zenday­a und Zac Efron schmachtend in den Seilen hängen, wird einem warm ums Herz), mitreißenden Tanzeinlagen und einem Gefühls-Lawine-­Soundtrack besticht. Die Hymne des Films heißt „This Is Me“ und propagiert voll Inbrunst das Anderssein: Hut ab vor dem, der da keine Gänsehaut kriegt.