Letztes Update am Di, 02.01.2018 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

„Bergdoktor“ Hans Sigl: Die Krise als Erfolgsrezept

Vor zehn Jahren hat Hans Sigl alias Dr. Martin Gruber die „Bergdoktor“-Praxis am Wilden Kaiser bezogen. Ein Gespräch über Good Guys, die Schwierigkeit von Ironie und die tänzerischen Anfänge eines Serienheilers.

© ORFBevor am 17. Jänner die elfte "Bergdoktor"-Staffel startet, gibt's am 3. Jänner (20.15 Uhr, ORF 2) ein 90-minütiges Special, bei dem Hans Sigl alias Dr. Martin Gruber nach einem Lawinenunglück zum Lebensretter wird.



Innsbruck – Persönlichen Fragen geht Hans Sigl (48) lieber aus dem Weg: Ob er regelmäßig zum Arzt geht, will der „Bergdoktor“, der seit nunmehr zehn Jahren als Dr. Martin Gruber am Wilden Kaiser ordiniert, nicht beantworten. Privates soll privat bleiben, ist der TV-Mediziner überzeugt. Mit der TT spricht der Serientäter, der sein schauspielerisches (und tänzerisches) Handwerk einst am Tiroler Landestheater gelernt hat, lieber über die Parallelen zwischen dem gebirgigen Fernseh-Dauerbrenner und einer griechischen Tragödie, schwärmt von den treuen „Bergdoktor“-Fans, die für einen Hausbesuch sogar aus den USA anreisen, und lässt sich endlich zu einem Liebeskummer-Rezept hinreißen.

Der „Bergdoktor“ feiert seine ersten zehn Jahre. Inwiefern hat sich die Figur des Doktor Martin Gruber seit dem Serienstart verändert?

Hans Sigl: Die Figur ist natürlich mit der Serie gewachsen: Wir hatten am Anfang ja nur 45 Minuten Zeit, um eine Krankheitsgeschichte zu erzählen, seit 2010 haben wir 90 Minuten, wodurch sich auch mehr Möglichkeiten ergeben, genauer auf Martin Gruber und sein Umfeld einzugehen. Wir können genauer hinschauen, ich kann genauer spielen. Die Figur hat sich aber nicht nur mit den Fällen, sondern auch mit der Familiengeschichte entwickelt, was ich sehr spannend finde.

Ich nehme an, dass man mit der Figur, die man spielt, über die Jahre auf eine gewisse Art auch verwächst. Gibt es da auch Seiten an Ihrem TV-Alter-Ego, die Sie nicht leiden können?

Sigl: Das ist eine grundsätzliche Geschichte: Als Schauspieler muss ich die Figur, die ich spiele, immer verstehen können. Das gehört zu meinem Handwerk. Und da geht es jetzt gar nicht darum, ob ich etwas mag oder nicht mag, diese Wertung will ich nicht vornehmen. Meine Aufgabe ist es, die Motivation meiner Figur nachzuvollziehen. Und zwar auch in Situationen, die ich persönlich anders behandeln würde. Das ist mein Beruf.

Mich hätte trotzdem interessiert, ob Hans Sigl mit Martin Gruber gut auskommt.

Sigl: Grundsätzlich ist er schon der Good Guy, den ich sehr gerne mag. Eigentlich ist Martin Gruber einer meiner besten Freunde.

Im Laufe der Jahre hat Ihre Figur auch viele Krisen durchmachen müssen. Braucht ein Serienheld Makel, damit die Zuschauer bei ihm andocken?

Sigl: Es war schon in der griechischen Tragödie so, dass die Empathie des Publikums für den Helden dann gestiegen ist, wenn man ihn in einer Krise gesehen hat. Und bis heute fängt man in solchen Situationen an, zu bangen und zu hoffen, bis heute wird die Reise, die man mit dem Helden macht, in solchen Momenten gleich noch einmal spannender. Denn würde der Held nie mit Schwierigkeiten oder Schicksalsschlägen konfrontiert werden, dann wäre eine Identifikation mit ihm schwer möglich.

Im Vorfeld unseres Gesprächs habe ich ein paar Interviews von Ihnen gelesen. Kann es sein, dass Gespräche mit Journalisten für Sie etwas von einem Zahnarzt-Besuch haben?

Sigl: Wie kommen Sie darauf?

Ich hab’ ein Interview mit der „Berliner Zeitung“ gelesen, in dem Sie der Journalist auf das ewig gleiche Handlungsmuster des „Bergdoktor“ ansprach und die Serie als Mischung aus „ein bisschen Familie, ein bisschen Krankheit und ein bisschen Liebe“ bezeichnete. Da wirkten Sie etwas genervt.

Sigl: Das täuscht. Ich freue mich immer über Gespräche mit Journalisten. An besagtes Gespräch mit der Berliner Zeitung kann ich mich erinnern: Das war der Versuch, ein leicht ironisches Interview zu führen, aber es ist nun einmal leider so, dass sich Ironie nicht so leicht transportieren lässt. Man kann ja nicht nach jeder Antwort einen Smiley anfügen. Aber ich kann bestätigen, dass wir beide bei diesem Gespräch sehr viel gelacht haben.

Der „Bergdoktor“ zaubert auch den Touristikern am Wilden Kaiser ein Lächeln auf die Lippen. Seit ein paar Jahren wird sogar eine eigene Bergdoktor-Woche veranstaltet. Was passiert da?

Sigl: Die Bergdoktor-Woche ist das Ergebnis eines Symposiums von Filmtouristikern, bei dem man sich überlegt hat, wie man das Publikum noch näher zur Serie bringen kann. Seither gibt’s spezielle Wanderungen und Motiv-Touren und irgendwann wurde auch besagte Bergdoktor-Woche initiiert: Neben Location-Besuchen steht da auch ein Meet-and-Greet mit uns Schauspielern auf dem Programm, welches mit 1500 Fans limitiert ist. Für mich sind das immer ganz besondere Begegnungen, weil ich es als große Ehre empfinde, dass Menschen extra eine Reise auf sich nehmen, um uns zu besuchen. Wir hatten ja sogar schon Leute aus den USA zu Gast, das ist im positivsten Sinn ein Wahnsinn.

Ihre Schauspiel-Ausbildung haben Sie einst am Tiroler Landestheater absolviert, wo Sie von 1993 bis 1999 auch zum Ensemble zählten. Fehlt Ihnen manchmal die Unmittelbarkeit der Bühne?

Sigl: Jein. Es ist schon lange her, dass ich mit dem Theaterspielen aufgehört habe, weil ich mich damals eben für die Fernseh-Bühne entschieden habe. Aber ich habe ja als Ausgleich weiterhin viele Live-Gschichtln gemacht, die mir immer große Freude bereitet haben. Und grad unlängst war ich wieder als Zuschauer am Tiroler Landestheater, um mir die Ronja Forcher (Serientochter Lilli, Anm.) als Gretchen in Goethes „Faust“ anzuschauen. Da sind bei mir auch viele schöne Erinnerungen hochgekommen. Aber meine Entscheidung für den Drehberuf war damals schon eine sehr bewusste. Wobei: Vielleicht lässt es die Zeit ja auch irgendwann einmal wieder zu, dass ich auf die Theaterbühne zurückkehre.

Was war damals eigentlich Ihre erste Rolle am Tiroler Landestheater?

Sigl: Das ist ganz lustig: Am Anfang meiner Schauspiel-Ausbildung habe ich mich im Extraballett verdingt und meine erste große Premiere im Großen Haus war „Spartakus“: Da hab’ ich im Corps de Ballet des Marburger Staatsballetts getanzt. Das vergesse ich nie.

Zum Serienstart vor zehn Jahren habe ich Sie nach Ihrem Rezept für Liebeskummer gefragt. Doch Sie haben auf ärztliche Schweigepflicht plädiert. Würden Sie es mir jetzt verraten?

Sigl: Es gibt Dinge im Leben, die kann man auch nach zehn Jahren noch nicht benennen. Aber zur Medikation von Liebeskummer kann ich so viel sagen: Es gibt zu jedem negativen Gefühl auch ein positives. Das muss man finden und verstärken, dann ist man auch wieder auf der richtigen Spur.

Dann die obligate Schlussfrage: Wie lange wollen Sie noch ordinieren?

Sigl: Solange es Spaß macht. Und bislang macht es wahnsinnig viel Spaß.

Das Gespräch führte Christiane Fasching


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