Letztes Update am So, 11.02.2018 06:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Josef Hader

Wie ein Kabarettist einen Sterbenden spielt

Josef Hader ist ab 16. Februar in „Arthur & Claire“ im Kino zu sehen. Die Rolle des verzweifelten Krebspatienten Arthur steht ihm gewohnt gut.

Josef Hader spielt in "Arthur & Claire" den krebskranken Arthur, der zum Sterben nach Amsterdam reist und dort die Liebe findet.

© Tivoli Film/Wolfgang AlmsbergerJosef Hader spielt in "Arthur & Claire" den krebskranken Arthur, der zum Sterben nach Amsterdam reist und dort die Liebe findet.



Berlin – „Sterben ist das Letzte, was man machen kann im Leben. Und das will ich gut machen“, sagt Arthur. Der 50-Jährige hat unheilbaren Lungenkrebs und starke Hustenanfälle. Irgendwann, weiß er, wird er ersticken. Also fliegt er nach Amsterdam, wo ihm ein befreundeter Arzt in seiner Spezialklinik am nächsten Tag helfen soll, die Dinge zu beschleunigen.

Er bittet den Doktor nur, den Mietwagen für ihn abzugeben, wenn „es“ vorbei ist: „Sonst muss ich nachzahlen.“ Aber dann kommt es doch anders. Im Hotel, wo er seine Henkersmahlzeit – Filet Mignon und besten Rotwein – bestellt, lernt er an der Rezeption eine junge Dame namens Claire kennen. Sie wohnt, stellt sich heraus, im Nebenzimmer.

Er entdeckt, dass auch sie in „Endzeitstimmung“ ist. Im Badezimmer liegt eine Unmenge an Tabletten herum. „Marschieren Sie immer in fremde Zimmer?“, fragt sie wütend, „machen die Deutschen das immer noch so?“ Er: „Ich bin Österreicher.“ Sie: „Noch schlimmer.“

So ist der Grundton des ganzen Films. Arthur ist wieder einmal eine starke Rolle für Josef Hader, der – merkbar – auch am Drehbuch mitgeschrieben hat.

Bei der letzten Berlinale sind Sie mit Ihrem Regiedebüt „Wilde Maus“ sehr aufgefallen. Die Medien jubelten nach der Aufführung: „Endlich hat die Berlinale wirklich begonnen!“ War „Arthur & Claire“ eine Folge der „Wilden Maus“?

Josef Hader: Nein, das geschah schon lange vor der Berlinale. Produzent Gerald Podgornig hatte mir das Drehbuch geschickt und angefragt, ob ich mitmachen wollte. „Arthur & Claire“ war auch schon vor der „Wilden Maus“ abgedreht.

Interessant, dass Claire-Darstellerin Hannah Hoekstra bei der vorjährigen Berlinale als „Shooting Star“ der Niederlande vorgestellt wurde. Sie selbst waren letztendlich auch am Drehbuch beteiligt?

Hader: Ich habe an den Dialogen für die letzte Fassung mitgeschrieben, weil alle Beteiligten der Meinung waren: Wenn es zwei Schauspieler sind, die einen Film tragen sollen, dann müssen sie auch den Text zu sich holen. Das bedeutete für mich: überarbeiten. Ich habe Hannah eingeladen, mit mir das Buch durchzustudieren. Dann habe ich für sie ebenfalls Dinge geändert. Außerdem gingen wir jeden Abend die Dialoge für den nächsten Tag durch. Dabei kam es noch einmal zu Änderungen.

Kannten Sie Menschen, die auf diese Art in den Freitod gegangen sind?

Hader: Nein.

War es demnach besonders schwer, sich in den Charakter des Arthur hineinzufühlen?

Hader: Das ist generell schwer. Bei jeder Roll­e. Aus Arthurs lapidarer Sicht ist der Tod eine Erfahrung, die wir alle vor uns haben. Der Tod ist für ihn einfach eine reale Möglichkeit. Eines Tages wird er eintreten. Deshalb fand ich es nicht schwer, mir zu überlegen, warum er so handelt. Was ich an seiner Stelle tun würde, weiß ich nicht, aber in seinem Fall ist es nachvollziehbar. Wo er doch weiß, dass er früher oder später ersticken wird, ihm also ein schlimmer, quälender Tod bevorsteht.

Wie wurde Hannah Hoekstra Ihre Partnerin?

Hader: Das Casting fand in Wien statt. Nachdem sie angetreten war, waren wir uns alle einig, dass wir nicht mehr weitersuchen wollten, weil wir so gut harmonierten.

War Amsterdam als Schauplatz vorgegeben?

Hader: Ja, schon im Theaterstück, das Basis für diesen Film war.

Kannten Sie die Stadt?

Hader: Nein, ich war zum ersten Mal dort. Der Dreh war teilweise lustig. Es ist nämlich schwierig, in Amsterdam Szenen im öffentlichen Raum einzugrenzen. Die Leute dort sind sehr demokratisch erzogen, und es ist nicht einfach, Straßen wegen Dreharbeiten abzusperren. Das akzeptieren sie nicht. Und so gab es Menschen, die sich durch keinerlei Security abhalten ließen, durchzumarschieren. Ich habe das Verhalten der Leute amüsiert beobachtet. Für die Produktion war es zugegebenermaßen weniger amüsant. Die haben ein bissl geschwitzt.

Bei diesem Inhalt: Waren das nicht irgendwie Dreharbeiten in Moll?

Hader: Nein, denn als Schauspieler ist man vorwiegend damit beschäftigt, bestimmte Dinge gut zu machen und mit der Figur gewisse Ziele zu erreichen. Zum Beispiel die Atemnot überzeugend darzustellen und Stimmungen aufzubauen. Die sind manchmal gelöst, manchmal verzweifelt, manchmal geradezu euphorisch. Somit war eine ganz schöne Skala darzustellen.

Was ist für Sie der spezielle Grund, dass Sie wieder nach Amsterdam möchten?

Hader: Es ist eine gelassene und fröhliche Stadt. Die Menschen sind freundlich und offen. Und es gibt interessante Stadtränder, wo man lustige Kneipen finden kann. Bezirke, die recht erdig sind.

Wie sehen Sie rückblickend die mediale Resonanz auf „Wilde Maus“?

Hader: Da habe ich noch einen ganzen Ordner, den ich aufarbeiten muss. Bisher hatte ich so viel Arbeit, dass ich nicht zum Lesen kam. Grundsätzlich bin ich zufrieden, weil ich es formal schaffte, etwas zu inszenieren, das geschnitten werden konnte und am Ende einen richtigen Film ergab. Alles andere erlebte ich nicht so bewusst, weil ich so lange damit beschäftigt war, die „Wilde Maus“ persönlich ans Publikum zu bringen. Ein paar Wochen fühlte ich mich wie ein Politiker im Wahlkampf. Danach war ich so erschöpft, dass ich mit dem Ganzen nichts mehr zu tun haben wollte. Und bei allem Lob: Wenn die Leute sagen, dass man Erfolg genießen kann – also das habe ich noch nie erlebt. Erfolgreich zu sein bedeutet für mich grundsätzlich harte Arbeit.

Ist schon ein neues Hader-Filmmanuskript im Werden?

Hader: Das wäre schön. In Wirklichkeit bin ich eher am Nachdenken. Ich bin mir momentan nicht sicher, ob es eher in Richtung Film oder in Richtung Kabarettprogramm geht.

Nach Rollen in Filmen wie „Vor der Morgenröte“, „Wilde Maus“ oder nun „Arthur & Claire“ dachte man, das Kabarett sei bei Ihnen eher in den Hintergrund gerückt?

Hader: Nein, nein. Es wird sicher ein neues Programm geben. Das ist irgendwie mein Urberuf – und der mit der größten Unabhängigkeit. Ich finde die Gegenwart sehr interessant, wobei es sicher nicht einfach ist, in dieser Zeit Kabarett zu machen. Deshalb reizt es mich besonders.

Nicht einfach? Wo momentan viele Dinge für einen Kabarettisten förmlich „aufgelegt“ sind?

Hader: Das ist es ja. Zu sehr aufgelegt. Deshalb gilt es sich zu überlegen, etwas ganz anderes zu machen. Bald werde ich zu schreiben beginnen. Ohne aber zu wissen, was dabei herauskommt.

Das Interview führte Ludwig Heinrich


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