Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.03.2018


Leokino

,,Die Grundschullehrerin“: Hoffnungsschimmer im Kinderelend

Hélène Angel fand für ihren Film „Die Grundschullehrerin“ ein beeindruckendes Ensemble.

© Filmladen



Innsbruck – Florence Mautret (Sara Forestier) unterrichtet die vierte Klasse einer Volksschule in Grenoble. Seit ihrer Scheidung wohnt sie mit ihrem Sohn Denis (Albert Cous­i), der zugleich einer ihrer Schüler ist, über dem Klassenzimmer. Das ist einerseits eine praktische Lösung, was Miete und den Weg zur Arbeit betrifft, verlangt andererseits auch Engagement, da sich Beruf und Privatleben nicht mehr trennen lassen.

Schon ein Blick aus dem Fenster macht sie oft zur Zeugin von Tragödien, vor denen die Augen zu verschließen ihr nicht gelingen will. Ihre Kolleginnen und Kollegen bringen in solchen Momenten ihr Gehalt ins Spiel, das die Einstellung rechtfertigt, den Dienst mit dem Läuten der Schulglocke enden zu lassen. Diese Haltung würde Florence das Herz brechen. Darauf hofft ihr Sohn, der sich vernachlässigt fühlt und daher lieber beim Vater wohnen würde.

Auf dem Schulhof beobachtet Florence den zehnjährigen Sacha (Ghillas Bendjoudi), der, obwohl den anderen Schülern körperlich überlegen, zum Opfer massiven Mobbings wird. Aus der Nähe rümpft auch Florence die Nase. Sacha hat Hose, Hemd und Körper seit Monaten nicht mehr gereinigt. Er lebt allein in der Wohnung seiner Mutter, die ihn gelegentlich mit Bargeld versorgt. Für den Schulleiter (Patrick D’Assumçao) ist das ein Fall für das Jugendamt, für Florence beginnt mit einer Meldung an die Behörden in der Regel ein unheilvoller Lebensweg. Warum dieses Elend zuvor nie entdeckt wurde, ist eine offene Frage und dramaturgische Schwäche des Films.

Die Regisseurin Hélène Angel gewann mit ihrem Debütfilm „Peau d’homme coeur de bête“ 1999 in Locarno den Goldenen Leoparden und steht seither für schwierige Filmerzählungen, weshalb ihre Filmliste überschaubar geblieben ist. In „Die Grundschullehrerin“, ihrer vierten Kinoarbeit, erlaubt sie sich einen Hoffnungsschimmer für den Ausgang der Geschichte.

Innerhalb der französischen Tradition der Kinder- und Schulfilme reiht sich „Die Grundschullehrerin“ neben Nicolas Philiberts „Sein und Haben“, Laurent Cantets „Die Klasse“ oder Christophe Barratiers „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ unter die ganz großen Werke dieses Genres ein. Es ist schlicht unglaublich, wie in Frankreich immer wieder Kinder entdeckt werden, die konzentriert und mit Spielwitz komplexe Charaktere darstellen können. (p. a.)


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