Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 15.03.2018


„Maria Magdalena“

Göttliche Interventionen

Garth Davis ermöglicht in seinem Bibelfilm „Maria Magdalena“ mit einem Starensemble gegen alle Traditionen einen weiblichen Blick auf die Passionsgeschichte.

Taufe im See Genezareth: Joaquin Phoenix als Jesus von Nazareth mit Rooney Mara als Maria Magdalena.

© Digital MediaTaufe im See Genezareth: Joaquin Phoenix als Jesus von Nazareth mit Rooney Mara als Maria Magdalena.



Von Peter Angerer

Innsbruck –Ohne eigenes Zutun lässt sich eine Frau in die Tiefe des Meeres treiben. Die Frau sucht jedoch nicht die Dunkelheit, sondern das Licht. In der Traumdeutung lässt das Wasser als Symbol noch andere Interpretationen wie jene einer erotischen Sehnsucht zu. Die Taucherin ist Maria (Rooney Mara), die seit ihrer Kindheit mit diesem Traum vertraut ist. Vor der Hütte ihrer Familie in Magdala am See Genezareth trocknen die Fischernetze. Es ist die Aufgabe der Frauen, die zerrissenen Knoten zu reparieren.

Maria würde ihre Tage lieber betend in der Synagoge verbringen, doch dieses Privileg steht nur den Männern zu. Als sie sich auch noch weigert, eine arrangierte Ehe einzugehen, und damit „Schande über die Familie bringt“, greifen Marias gedemütigte Brüder zur drastischen Methode der Teufelsaustreibung, die die angeblich Besessene nur knapp überlebt.

Glücklicherweise wandert in diesen Tagen des Jahres 33 Jesus von Nazareth (Joaquin Phoenix), der als Heiler und Prophet einige Anhänger um sich scharen kann, durch Magdala. Vielleicht gelingt ihm die Austreibung der Dämonen. Seine Weigerung, diese Dämonen zu bändigen, verwandelt ihn schnell in einen „Propheten des Teufels“, und die junge Frau ist ohnehin für die Traditionen von Familie und Judentum verloren. Beiden bleibt in Garth Davis’ „Maria Magdalena“ gerade noch eine Woche, bis sie Jerusalem erreichen und sich der Wille Gottes erfüllen kann.

Als Papst Gregor I. 591 erstmals Maria als Sünderin und Prostituierte benannte, wurde dieses Verdikt dankbar aufgenommen. Im Genre des Bibelfilms war es dann immer der Umgang mit dieser Frauenfigur unter lauter Männern, der entweder für Skandale oder Erbauung sorgte.

In „Die größte Geschicht­e aller Zeiten“ (1965) war Mari­a die Ehebrecherin, die Jesu­s vor der Steinigung rettete, in „Die letzte Versuchung Christ­i“ war sie die Hure, die den Messias von seiner Bestimmung abbringen könnte. Martin Scorseses Sichtweise löste 1988 weltweite Proteste konservativer Christen aus, die den Erfolg des Films aber nur beflügeln konnten.

Garth Davis erzählt (nach dem Drehbuch von Philippa Goslett und Helen Edmundson) die Passionsgeschichte aus der Perspektive Maria Magdalenas. Gegen den Widerstand der anderen Apostel mit Petrus (Chiwetel Ejiofor) als Wortführer wird sie zur engsten Vertrauten und ersten Interpretin des Erlösers.

Während Petrus und Judas (Tahar Rahim) bei der Eroberung des Himmelreichs an eine göttliche Intervention bei der kriegerischen Konfrontation mit den Römern und ihren Statthaltern denken, erahnt nur Maria die pazifistische Botschaft hinter den abstrakten Gleichnissen: „Die Welt wird sich nur ändern, wenn wir uns ändern.“

Die Kamera von Greig Fraser („Zero Dark Thirty“) bleibt beinahe durchgehend auf Rooney Maras Maria-Gesicht gerichtet, denn in ihrem scheuen Blick spiegelt sich das Geschehen. Die entscheidenden Tage der Passion versäumt sie allerdings. Nach der Vertreibung der Händler aus dem Tempel wird sie von einem römischen Soldaten niedergeschlagen. Es gibt keine Folter, keine Gerichtsverhandlung – auch das ein Bruch mit den gewohnten Kinoüberlieferungen zwischen Kitsch oder Mel Gibsons Gewaltorgie in „Die Passion Christi“.

„Maria Magdalena“ ist nicht gerade ein feministisches Lehrstück über die Befreiung der Frauen, der weibliche Blick auf die Ereignisse ist für eine aufwändige Hollywoodproduktion mit Starbesetzung dennoch eine Überraschung. In den US-Kinos gibt es für den Bibelfilm keinen Starttermin, denn die revisionistische Erzählung begann als Projekt auf dem Schreibtisch von Harvey Weinstein.