Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 04.04.2018


Film und TV

“Zwei Herren im Anzug“: Die Patriarchen von Ambach

Josef Bierbichler erzählt in „Zwei Herren im Anzug“ eine Geschichte Bayerns und der Verstrickung seiner Bewohner in die Verbrechen des 20. Jahrhunderts.

Ein Kostümfest als Schlüsselszene: Josef Bierbichler mit Catrin Striebeck.

© Ein Kostümfest als Schlüsselszene: Josef Bierbichler mit Catrin Striebeck.



Von Peter Angerer

Innsbruck – In den Siebziger-Jahren genügte noch ein Satz wie „In Bayern mag ich nicht einmal gestorben sein“ für eine dringliche Anfrage im Bayerischen Landtag. Dabei sagte Josef Bierbichler in „Servus Bayern“ (1977) den eindeutig schlimmeren Satz „Kruzifix, jetzt habe ich in die Hose geschissen!“. Aber bestrafen wollte man den Regisseur Herbert Achternbusch, wenn schon nicht mit einem Aufführungsverbot dann doch mit der Verweigerung weiterer öffentlicher Fördermittel.

Über zehn Jahre lang spielte Bierbichler in allen Achternbusch-Filmen mal den Jäger, mal den Biertrinker. So kam Ambach am Starnberger See auf die Landkarte jener Drehorte, an denen legendäre Filme entstanden sind. Josef Bierbichler, Jahrgang 1948, der als Metzger, Bauer oder einfach nur Menschendarsteller in großen Filmen von Michael Haneke („Das weiße Band“) oder Wolfgang Murnberger („Der Knochenmann“) im deutschen Kino zu einer singulären Erscheinung geworden ist, besitzt in Ambach ein Wirtshaus. Dessen Geschichte erzählt er in seinem Regiedebüt „Zwei Herren im Anzug“. Es ist zudem eine Geschichte Bayerns und der Verstrickung seiner Bewohner in das Unglück und die Verbrechen des 20. Jahrhunderts.

In der aus „Servus Bayern“ vertrauten Gaststube neigt sich ein Leichenschmaus dem Ende zu. Die Gäste verabschieden sich vom Witwer und Wirt Pankraz (Josef Bierbichler) und dessen Sohn Semi (Simon Donatz) mit tröstenden Worten. Eine Schankkraft beginnt die Gläser aufzuräumen, während Vater und Sohn sich bei Bier und Schnaps ihre gegenseitige Abneigung vorhalten. So ein trauriger Anlass wäre etwa ein guter Grund, in den Schoß der Kirche zurückzukehren, findet der Vater. Wenn überhaupt, sagt Semi, will er „in den Schoß der Mutter zurück, damit ich nicht auf der Welt wär’“. Später wird sich Semi vor dem Bett seiner Mutter ausziehen und versuchen, in die zu einem Skelett abgemagerte Theres (Martina Gedeck) zu kriechen.

In der Gaststube ist der Ekel, der bei der Vorstellung dieses Bildes über das Gesicht von Pankraz zieht, zu sehen. Der Wirt geht zu einem Karton voller Familienfotos, vielleicht sucht er darin den Beleg, der den Zweifel an seiner Vaterschaft bestätigen könnte. Doch die alten Fotografien setzen die Erinnerung in der Form einer Schwarz-Weiß-Rückblende in Gang.

Pankraz ist 1914 noch ein Kind, sein älterer Bruder Toni (Florian Karlheim) zieht begeistert in den Krieg. Für die Knechte und Mägde sind die Soldaten natürlich „Faulenzer“, die sich der Arbeit entziehen. Der Seewirt (Bierbichler) setzt dem frechen Treiben ein schnelles Ende. Die patriotische Euphorie endet mit Tonis Rückkehr als Kriegsversehrter, aber in den Dreißiger-Jahren kann sich Pankraz (Donatz) noch Hoffnungen auf eine Opernkarriere machen, bis der Tod des Bruders und der nächste Krieg den Abschied von der Kunst verlangen. Er wird Hoferbe, Soldat und Nazi. Später wird er sagen, „ein Nazi war ich nie, doch kein Nazi war ich nie!“. Das ist nicht nur ein deutsches Dilemma.

1954 veranstaltet Pankraz einen Maskenball. Manche Gäste orientieren sich an den Bildern von James Ensor, um den begehrten Preis für die originellste Maske zu ergattern, andere schlüpfen einfach in ihre alten SS-Uniformen. Über dem Starnberger See braut sich ein Unwetter zusammen. Die drohende deutsche Apokalypse könnte für den Patriarchen der richtige Moment sein, sich wie Ludwig II. oder als „fliegender Holländer“ in die Fluten zu werfen.

Die Dimension von Bierbichlers Geschichtsepos (nach seinem Romans „Mittelreich“) lässt sich nur mit Bernardo Bertoluccis Aufarbeitung der italienischen Geschichte vergleichen. Sein „1900“ kam in die Kinos, als Achternbusch und Bierbichler in Ambach ihre wütenden, kleinen Filme über die deutsche Geschichtsvergessenheit drehten. Diesen Faden nimmt Bierbichler in „Zwei Herren im Anzug“ wieder auf. Mit den großen Gesten des Theaters und den entsprechenden Ästhetiken verknüpft er Blut-und-Boden-Mythos, rustikalen Schwank, große Oper, Nachkriegsidylle und Provinzgrusel, der aus dem Grauen kommt.


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