Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.04.2018


Kino

,,Zauberer“: Einsame Seelen und ihre bösen Leidenschaften

Mit seinem Kinodebüt „Zauberer“ folgt Sebastian Brauneis der neuen österreichischen Kinotradition des Horrors in biederen Haushalten.

© ThimfilmPrivat und in "Zauberer" ein Paar: Tamara Metelka, blinde Evelyn, und Nicolas Ofczarek als Ulrich.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Michael Hanekes US-Remake seines Horrorthrillers „Funny Games“ war 2008 ein großes Missverständnis und ein kommerzielles Desaster. Der Film handelte das Entstehen und die Wirkung des Kino-Terrors ab, Betrachter verwandelten sich in willige Voyeure.

Seither gilt dem Horror aus Österreich die Aufmerksamkeit von Hollywood-Produzenten, wird ihm doch wegen realer Ereignisse in heimischen Kellern eine besondere Authentizität zugebilligt. Zuletzt wurde das Kinodebüt „Ich seh Ich seh“ von Veronika Franz und Severin Fiala mit der Möglichkeit eines US-Remakes gehandelt.

Sebastian Brauneis hat sich für sein Kinodebüt mit der Inszenierung der TV-Sketchserie „Bösterreich“ empfohlen, wobei das Episodische nach einem mit Clemens J. Setz und Nicholas Ofczarek erarbeiteten Drehbuch auch die Erzählstruktur von „Zauberer“ ausmacht.

Annamaria (Michaela Schausberger) pflegt liebevoll ihren seit einem Autounfall im Wachkoma liegenden Sohn.

Marcel (Joel Basman) besucht mit zwei Freunden ein Kellerlokal mit erotischen Dabietungen, wird jedoch bald als jugendlicher Spanner entdeckt. Auf der Toilette kann er noch Telefonnummer und eine Botschaft („Suzy – ich schlucke alles“ ) deponieren.

Evelyn (Regina Fritsch) verarztet in einer Volksschule den kleinen Tommy, den sie nach dem Unterricht entführt, um ihn zu ihrem gehorsamen Lebenspartner zu erziehen.

Der Psychotherapeut Ulrich (Nicolas Ofczarek) entwirft für seine blinde Frau Evelyn (Tamara Metelka) eine Welt, in der nicht zu viel Wirklichkeit vorkommen soll. Irgendwann werden sich die Wege und die Schicksale dieser Figuren kreuzen, da sie ihren kleineren und größeren Perversionen nicht mehr nur in Kellern, sondern auf der Straße, in Parks oder in ihren anonymen Wohnanlagen nachgehen.

Marcel muss nicht lange auf Anrufe warten. Indem er sich als Suzys Sohn ausgibt, den die Mutter fesselt, während sie im Nebenraum ihre Freier empfängt, stachelt er Entrüstung und Lust der Anrufer an. Annamaria möchte wissen, wie viel von der Welt wahrzunehmen ihr Sohn in der Lage ist und engagiert dafür Jürgen (Florian Teichtmeister), der sie vor den Augen des Kindes penetrieren soll. Das geht dem Callboy doch zu weit. Vielleicht kann Suzy helfen, die letzten Puzzleteile werden in das Spiel gepresst.

Auf der Tonspur zitiert Sebastian Brauneis den Sound der Achtziger Jahre mit Schlagern und John Carpenters Begleitmusik zu Bildern des „Halloween“-Terrors.

Doch die „Zauberer“ sind keine Serienmörder. Es sind einsame Seelen, die sich als böse Menschen ihren Leidenschaften hingeben. Aus heiterem Himmel werden sie von Chemtrails bedroht, mit denen sich bequem eine Erklärung für moralische und psychische Defekte finden lässt. Manche Kinogeher werden sich fragen, ob man sich das antun muss.


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Kino
Kino

“Champagner und Macarons“: Skandale und andere Geschäftsmodelle

In „Champagner & Macarons“ wirft Agnès Jaoui einen satirischen Blick auf die französische Bourgeoisie.

Kino
Kino

“Der Bauer zu Nathal“: Auf Augenhöhe mit einem Mythos

„Kein Film über Thomas Bernhard" soll „Der Bauer zu Nathal" sein. Und tatsächlich beschäftigen sich die Regisseure David Baldinger und Matth...

TV
TV

Tiroler Josef Fankhauser gewinnt Kiddy Contest 2018

Mit dem Titel „Lederhosen-Rapper“ hat der elfjährige Schwendauer die Kinder-Gesangsshow am Samstag in Wien für sich entschieden.

TV
TV

Comeback bei Vox: Steffen Henssler zieht die Kochjacke wieder an

„Schlag den Henssler“ wurde gerade eingestellt. Für 2019 ist dafür eine Neuauflage der Koch-Show „Grill den Henssler“ geplant.

Film und TV
Film und TV

Stefan Raab feierte Comeback: Das Raabiversum schlägt zurück

Fast drei Jahre nach seinem Abschied vom Bildschirm ließ der deutsche Fernsehmoderator a. D. in Köln bei einer Bühnen-Show die Zeit vor seinem „Raabschied“ a ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »