Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 21.04.2018


Kino

Lady Bird: Vogelfrei in Sacramento

In ihrem für fünf Oscars nominierten Regiedebüt „Lady Bird“ erzählt Greta Gerwig von den Demütigungen des Heranwachsens. Saoirse Ronan brilliert in der Titelrolle.

© UPIZigaretten und das „Playgirl“ als Gesten der Unabhängigkeit: Lady Bird (Saoirse Ronan) wird erwachsen.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Sacramento, Kalifornien. Abseits der großen Metropolen der USA steht die 17-jährige Christine an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie selbst will von allen Lady Bird genannt werden, schreibt sich für den Theaterkurs ein und ist insgesamt in einer rebellischen Phase in diesen letzten Monaten der Schulzeit. Die großen Entscheidungen stehen an: Wohin soll es nach der High School gehen? Lady Bird will möglichst weit weg von zu Hause, „an die Ostküste, wo es Kultur gibt“, jedenfalls nicht auf eine katholische Uni.

Zum 18. Geburtstag kauft sie sich als gleich dreifache Geste der Unabhängigkeit eine Packung Zigaretten, eine Ausgabe des Playgirls und ein Rubbellos. Sie will auch weg von ihrer Mutter Marion, die umso strenger wird, je mehr Freiheit ihre Tochter beansprucht. Der arbeitslose Vater spielt dabei den netten Vermittler, und dem zufriedenen Bruder mangelt es an Ambitionen, um an seinem Umfeld zu leiden.

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter steht im Zentrum des Films und rundherum gruppieren sich alle typischen Elemente eines Coming-of-Age-Kinos: erste Liebe und sexuelle Erfahrungen, die Herausforderungen in ihrer Außenseiter-Freundschaft mit der übergewichtigen Julie und dem unsicheren Lucas und das Aufbegehren in der katholischen Privatschule, die sich die armen Eltern vom Munde absparen.

Laurie Metcalf (bekannt aus der dieser Tage wiederbelebten TV-Serie „Rosanne“) als ernste Mutter und Saoirse Ronan in der Titelrolle bringen ein extrem glaubwürdiges Eltern-Kind-Duo auf die Leinwand, wie etwa bei einem perfekt gescripteten Streitgespräch im Auto gleich zu Beginn des Films, das darin kulminiert, dass sich Lady Bird aus dem fahrenden Auto wirft. Der gebrochene Flügel wird den Film über zum Zeichen ihrer Ungeduld, endlich das Nest zu verlassen.

„Lady Bird“ ist schon jetzt einer der besten Einträge in die lange Liste der Filme über das Erwachsenwerden, so viel steht fest. Der ebenso sensible wie humorvolle Film erlebte nach seiner Premiere beim Telluride und Toronto Filmfestival im September eine überaus positive Rezeption von Publikum und Kritik, fünf Oscar-Nominierungen – darunter auch eine für den Besten Film – und einen Golden Globe als beste Komödie inklusive.

Dass es sich dabei um den Debütfilm der Schauspielerin Greta Gerwig handelt, bescherte ihm zusätzliche Aufmerksamkeit, nebenbei auch als ein Paradebeispiel für das Potenzial einer neuen Generation von Regisseurinnen, die mit eigenwilliger und selbstbewusster Stimme dem US-Gegenwartskino ihren Stempel aufdrücken.

Gerwig selbst scheint eine typische New Yorkerin zu sein, die sich mit ihren Titelrollen in „Frances Ha“ und „Mistress America“, die sie mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Noah Baumbach, schrieb, quasi ikonischen Status erspielte. Ihre biografischen Wurzeln allerdings liegen in eben jenem Arbeiterschichten-Milieu von Sacramento, von dem sie nun in „Lady Bird“ so reichhaltig erzählt.

Der temporeiche Film bezieht seine authentische Kraft wohl aus dieser autobiografischen Basis und ist getragen von einer liebevollen Erinnerung an die eigene schwierige Teenagerzeit. Mit dem Erfolg von „Lady Bird“ kündigte Greta Gerwig an, an einer Sacramento-Trilogie zu arbeiten: Es gäbe nicht viele Bereiche der Stadt, die sie erforschen wolle“, so die 35-Jährige. Nach dem frischen Wind ihres „Lady Bird“ sind die Erwartungen jedenfalls hoch.




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