Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.04.2018


Kino

Ein Melodram in Kriegszeiten

Christian Petzold verknüpft in seiner aufregenden Romanadaption „Transit“ die Zeitstimmungen gegenüber Flüchtlingen in den 1940er-Jahren und in der Gegenwart.

© Eine schmerzhafte Liebesgeschichte unter Emigranten: Paula Beer und Franz Rodowski in „Transit“.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Erfahrene Reisende auf der Flucht wissen in einer miesen Absteige eine Begrüßung wie „Eine Woche Miete im Voraus, für den Fall, dass Sie morgen verhaftet werden!“ zu entschlüsseln. Deutsche sind nach der Kriegserklärung Frankreichs „unerwünschte Personen“ geworden, nach der deutschen Besetzung arbeiten Franzosen für Wehrmacht und SS.

Georg (Franz Rodowski) schiebt seine letzten Geldscheine über die Rezeption und kann mit einer ruhigen Nacht rechnen, denn die Polizei wird, je nach Laune oder Angst der Wirtin, erst übermorgen nach seinen Papieren fragen. Der gesamte Besitz des Deutschen besteht aus dem, was sich in einen Seesack pressen lässt. Seit seiner Flucht aus dem besetzten Paris gehören dazu auch der Pass und das letzte Manuskript des Schriftstellers Weidel, der mit seinem Selbstmord der Verhaftung zuvorgekommen ist. Georg liest die ihm in die Hände gefallene Erzählung, die von ihm zu handeln scheint. Ein Mann begehrt Einlass in die Hölle, der ihm von einem Türsteher verwehrt wird. Nach Jahren erfährt der Wartende, dass er sich längst in dieser Hölle befinde.

Diese Variation von Franz Kafkas Gleichnis „Vor dem Gesetz“ hat sich der deutsche Regisseur Christian Petzold für seine Verfilmung von Anna Seghers’ Roman „Transit“ ausgedacht. Der deutschen Schriftstellerin, der 1940 die Flucht vor den Nazis gelang, war Kafkas Parabel auch nicht fremd, wie der Titel ihres 1944 erschienenen Romans vermuten lässt. Wer Frankreich verlassen möchte, benötigt zuerst einmal ein „Visa de sortie“. Dann muss für das ins Auge gefasste Ziel ein Visum beantragt, eine Schiffspassage gekauft werden und wenn dieses Schiff an einem Hafen anlegt, muss dafür ein zusätzliches Transitvisum besorgt werden. Sobald aber die Gültigkeit eines Visums abläuft, beginnt die bürokratische Tortur von vorn. Jederzeit ist mit einer Razzia zu rechnen. Flüchtlinge, die in einer Warteschlange den Strapazen nicht mehr gewachsen sind, wählen den Fußweg über die Pyrenäen. Andere entscheiden sich wie Weidel für den Selbstmord.

Georg war Radio- und Fernsehtechniker, „bis die Faschisten kamen“. Das ist kein Dialogfehler über eine Biografie in den 30er-Jahren, denn Christian Petzold lässt in seiner Adaption den Flüchtling durch das Frankreich der Gegenwart irren. Die Polizisten sind für den Antiterrorkampf ausgerüstet, im Hafen von Marseille ankern Kreuzfahrtschiffe. Nur Flugzeuge, Mobiltelefone und aktuelle Techniken zur Personenerkennung sind noch nicht erfunden, um ein Spiel der Verwechslungen in den Warteräumen zu ermöglichen.

Filminfo

Transit. Ab 12 Jahren. Ab Freitag in Innsbruck: Leokino.

Ohne sich Hoffnungen auf ein Visum zu machen, sucht Georg den mexikanischen Konsul auf, um ihm Weidels Hinterlassenschaft aus Manuskript und Briefen zu übergeben. Offensichtlich genoss der tote Dichter in Mexiko eine Wertschätzung, die der Konsul sofort Georg zukommen lässt. Der wehrt sich gegen die Verwechslung nur halbherzig, verwandelt sich schnell in Weidel. Aber da gibt es noch Marie Weidel (Paula Beer), die immer wieder an Georg vorbeiflattert. Täglich erkundigt sich die junge Frau im Konsulat nach ihrem verschollenen Ehemann, den sie immer nur knapp zu verfehlen scheint. Schlechte Karten beschert Georg der Identitätstausch nur beim US-amerikanischen Konsul, für den Weidel als Kritiker der CIA-Aktivitäten nicht einmal als Transitreisender erwünscht ist. Es sind Vorwände, mit denen die Türhüter auch ihre Gleichgültigkeit verhüllen. Wie Christian Petzold die Stimmungen aus Vergangenheit und Gegenwart verknüpft, macht aus „Transit“ einen zeitlosen und beinahe vollkommenen Film über Verfolgung und Flucht.

Mit historischen Studiobauten und entsprechenden Kostümen würde „Transit“ wahrscheinlich wie ein Remake von „Casablanca“ aussehen. Der Widerstandsklassiker wurde ja nie zu Ende erzählt. Was ist mit dem Flugzeug passiert, in das Ilsa Lund und Victor Laszlo gestiegen sind? Hat Rick Blaine seinen Verzicht bereut? Christian Petzold offeriert in seinem Melodram über Georg und Marie Möglichkeiten, eine Erzählung enden zu lassen.




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