Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.05.2018


Leokino

„Godard mon amour“: Ein Despot wird zur Witzfigur

Oscarpreisträger Michel Hazanavicius rechnet in seiner Komödie „Godard mon amour“ mit der französischen Kinoikone und dessen Erfindungen ab.

© Jean-Luc Godard (Louis Garrel) geht im Mai 1968 auf die Straße, die Studenten verhöhnen ihn.Foto: Cinestar



Von Peter Angerer

Innsbruck – Um die Figur und die Bedeutung des Regisseurs Jean-Luc Godard (Louis Garrel) einem mit der Filmgeschichte nicht vertrauten Publikum zu erklären, bemüht Michel Hazanavicius in seinem Biopic „Godard mon amour“ Analogien. Mozart scheint für ein weltberühmtes Genie nicht zu hoch gegriffen. Damit kann auch Godard leben, zumal Mozart auf dem Höhepunkt seines Schaffens abgetreten ist. Godard wendet sich wie in einem Godard-Film an das Publikum: „Künstler sollten nicht alt werden!“

1967 ist der Regisseur bereits 37 Jahre alt und gerade dabei, die halb so alte Schauspielerin und Studentin Anne Wiazemsky (Stacy Martin) zu heiraten, die sich sofort zur Erzählerin der Chronique scandaleuse aufschwingt und damit die Deutungshoheit beansprucht. Das ist keine große Überraschung, schließlich folgt der Film Wiazemskys autobiografischem Roman „Un an après“. Die Enkelin des Literaturnobelpreisträgers François Mauriac hatte schon 1966 als Hauptdarstellerin in Robert Bressons Meisterwerk „Zum Beispiel Balthazar“ Aufsehen erregt und Journalisten erkundigten sich bei gemeinsamen Auftritten und Pressekonferenzen nicht mehr nach Godards Filmen, sondern nach privaten Details. Dieser boulevardesken Route folgt auch „Godard mon amour“.

Michel Hazanavicius ist der Imitationskünstler des französischen Kinos, wobei in seinen Filmen über Filme die Grenzen zwischen Persiflage (Die Agentenserie „OSS 117“) und Hommage („The Artist“) verschwimmen. Hazanavicius bekennt sich zum eskapistischen Kino.

Die meistgestellte Frage, die den Regisseur in „Godard mon amour“ ständig in Verlegenheit bringt, ist die nach dessen Rückkehr zum Glücksversprechen des Kinos. Wann wird es wieder einen Film wie „Außer Atem“ oder „Die Verachtung“ geben? 1967 sind das für Godard nur noch „reaktionäre Filme“, von denen er sich distanziert. Mit Anne dreht er „Die Chinesin“, einen Film, in dem er Maos Revolution huldigt, doch die chinesische Botschaft und die französischen Kinogeher verabscheuen den Film, über den auch Hazanavicius nicht viel erzählen möchte.

Godards endgültigen Abschied von der konventionellen Kinoerzählung würdigt Hazanavicius immerhin mit einem – zugegeben witzigen – Zitat. In der surrealistischen Revolutionsparabel „Week end“ gibt es eine der längsten Kamerafahrten der Filmgeschichte entlang einer Landstraße mit brennenden Autos, kämpfenden und randalierenden Lenkern und Beifahrern. Bei Hazanavicius verlässt Godard im Mai 1968 wütend eine Protestveranstaltung von Studenten, die den Großbürger und Maoisten wegen der revolutionären Attitüde verhöhnen. Die Kamera verfolgt Godard auf der Straße entlang einer auf die Hausmauern gemalten Schmähschrift: „Godard ist das größte Arschloch unter den Schweizer Filmregisseuren.“

Unter Verwendung aller Godard-Stilmittel (Inserts eröffnen die Kapitel, die Figuren treten aus dem Film heraus) interessiert sich Hazanavicius aber vor allem für das Privatleben eines lächerlichen Mannes, der mit dem Despotismus des Regisseurs auch seine Ehefrau lenkt. Er verbietet Anne Nackt­auftritte in den Filmen von Kollegen, wird bei seinen Eifer- suchtsanfällen zur Witzfigur.

Jean-Luc Godard jedenfalls, mittlerweile 88 Jahre alt, ist mit seinem neuen Film „Le Livre d’image“ im Wettbewerb des kommende Woche beginnenden Festivals in Cannes dabei.




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