Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.05.2018


“HERRliche Zeiten“

Die Bürger als Monster in ihren Villen und Kellern

Oskar Roehler bleibt auch in seinem neuen Film „HERRliche Zeiten“ bei seiner Pose des Provokateurs. Er seziert die Bourgeoisie mit Kettensäge.

© FilmladenDer Sklave (Samuel Finzi) und sein Herr (Oliver Masuccit) üben die "römische Dekadenz".



Von Peter Angerer

Innsbruck – Wie man aus den meist mit autobiografischen Verweisen versehenen Filmen Oskar Roehlers weiß, ist er mit der feinen Gesellschaft bestens vertraut. Den diskreten Charme der Bourgeoisie hat der Regisseur allerdings als Leid erfahren, weshalb sich seine Erzählungen in Romanen („Herkunft“) und Filmen („Die Unberührbare“) mit der Pose des antibürgerlichen Provokateurs über Rachefantasien entwickeln. Diese Haltung hat für die Betrachter der Farcen über die menschlichen Abgründe des Bürgertums allerdings den Nachteil, dass kaum Empathie für irgendeine Figur aufkommen kann.

Es gibt auch eine Kontinuität bei den Schauplätzen, was die Idee einer Versuchsanordnung nahelegt. Wie verhalten sich Menschen ihrer sozialen Stellung gemäß im Laboratorium des Lebens, wenn sie mit Ängsten, Aggressionen und Frustrationen konfrontiert werden? Die Villa, die am Anfang von „HERRliche Zeiten“ besichtigt wird, hat in „Agnes und seine Brüder“ 2004 noch ein Politiker bewohnt.

Vor vier Jahren haben Evi (Katja Riemann) und Claus Müller-Todt (Oliver Masucci) die Villa mit kleinem Park bei einer Zwangsversteigerung günstig erworben. Die Gartenarchitektin steht immer vor einem Nervenzusammenbruch, Claus saugt in einer Klinik unglücklichen Patienten Fett aus den ungeliebten Körpern. Das ist für einen Chirurgen keine befriedigende Arbeit. Da es die Haushaltshilfen im Haushalt der Müller-Todts nicht lange aushalten, versuchen sie es mit Ironie und suchen per Inserat nach einem „Sklaven und/oder Sklavin“. Anderntags steht eine Hundertschaft maskierter Leder- und Latex-Fetischisten vor dem Haus. Dieses Bild, das eine fröhliche SM-Party suggeriert, gefällt dem Nachbarn Mohammed Al Thani (Yasin el Harrouk), der in seinem Keller mit entsprechenden Instrumenten das Andenken Saddam Husseins auf monströse Weise zelebriert. Tatsächlich melden sich mit Bartos (Samuel Finzi) und Lana (Lize Feryn) zwei Dienstboten, für die Sklaverei im Haushalt kein leeres Gerede ist. Größere Probleme haben Evi und Claus bei der Metamorphose zu „Herrin“ und „Herr“, doch die gebotenen Annehmlichkeiten der strengen Rollenverteilung sind nicht zu verachten.

Für die Herrschaft ergeben sich dabei mörderische Abhängigkeiten, die eine Kumpanei mit dem irakischen Diktatorensohn und dessen Liebhaberei erfordert. Es sind die Umstände, so die Botschaft, die den deutschen Bürger schnell wieder in einen Schlächter mit Kettensäge verwandeln.

Bereits 2011, nach dem Erscheinen des Romans „Subs“ von Thor Kunkel, hatte Oskar Roehler die Filmrechte erworben. Inzwischen hat sich der Bestsellerautor auch als AfD-Berater einen Namen gemacht und sich rechtzeitig vor dem Kinostart beklagt, er werde wegen seiner „rechten Gesinnung“ bei der Werbung für den Film verschwiegen.