Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 08.05.2018


Cannes

Filmfestspiele von Cannes: Ein Patient unter Palmen

Sexismus und ein Clinch mit Netflix: Heute Abend starten die 71. Filmfestspiele von Cannes.

© ThimfilmEröffnungsfilm in Cannes: "Todo los Saben" mit Penelope Cruz.



Cannes – Der Strand an der Croisette ist rechtzeitig aufgehübscht worden. Baustellen gibt es beim Filmfestival von Cannes, das heute Abend beginnt, jedoch noch genügend. Das Festival würde „nicht mehr dasselbe“ sein, erklärte Direktor Thierry Frémaux bereits Mitte April mit Blick auf die #MeToo-Debatte. Der Skandal um den einst einflussreichen Produzenten Harvey Weinstein, dem Hunderte Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen, soll auch in Cannes nicht ausgeblendet werden. Zumal Weinstein regelmäßiger Festivalgast war – und sich mehrere Vorfälle, etwa die mutmaßliche Vergewaltigung der Schauspielerin Asia Argento, an der Croisette zugetragen haben sollen. Das Thema sexuelle Gewalt soll während des Festivals sichtbar gemacht werden – unter anderem durch Broschüren des französischen Gleichstellungsministeriums, das zuletzt ein Not-Telefon für Opfer und Zeugen sexueller Belästigung eingerichtet hat.

Dass auch der (strukturelle) Sexismus der Filmbranche in Cannes diskutiert wird, steht sowieso außer Frage. Schon ihn den vergangenen Jahren wurde die Festivalleitung für ihre männerlastige Filmauswahl kritisiert. Auch heuer stammen nur drei der 21 Filme, die im Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrieren, von Regisseurinnen. Insgesamt beträgt der Frauenanteil in den 70 Festivaljahren weniger als fünf Prozent. Darauf angesprochen verwies Frémaux auf den größeren Zusammenhang. Frauen seien im Filmgeschäft unterrepräsentiert, dies spiegle sich auch in seiner Auswahl preiswürdiger Produktionen wider. Positive Diskriminierung, sprich, die bevorzugte Berufung von Regisseurinen, sei keine Lösung. Als Signal sieht Frémaux die diesjährige Jury: fünf Frauen und vier Männer unter dem Vorsitz von Schauspielerin Cate Blanchett.

Eröffnet wird das Festival heute Abend mit „Todo los saben“, der neuen Regiearbeit des iranischen Oscarpreisträgers Ashgar Farhadi. Zur Weltpremiere werden auch seine Hauptdarsteller Penelope Cruz und Javier Bardem in Cannes erwartet. Auch die neuen Filme von Jean-Luc Godard („Le Livre d’image“), Spike Lee („BlacKkKlansman“) und Nuri Bilge Ceylan („The wild pear tree“) sind im Rennen um die Goldene Palme. Ebenfalls im Wettbewerb laufen Werke von Jafar Panahi („3 Faces“) und Kirill Serebrennikow („Leto“). Der Iraner und der unter Hausarrest stehende Russe dürften von ihren Heimatländern an einer Reise nach Cannes gehindert werden.

Aus freier Entscheidung dem Festival fernbleiben wird der Streamingdienst Netflix. Das US-Unternehmen zog seine Cannes-Kandidaten wegen einer neuen Regelung, wonach Wettbewerbsfilme vor der Streamingauswertung in Frankreichs Kinos laufen müssen, zurück. Was das Festival um ein filmhistorisches Highlight brachte: Orson Welles letzter, Fragment gebliebener Film „The Other Side of The Wind“ wurde vom Streamingdienst restauriert. Ganz ohne Zuschuss eines Onlineanbieters gelang es Terry Gilliam, sein legendenumranktes „Don Quichotte“-Projekt nach mehr als 20 Jahren an katastrophenreicher Produktionszeit zu beenden. „The Man Who Killed Don Quixote“ wird das Festival am 19. Mai beschließen. Für Gesprächsstoff an den Tagen zuvor könnte Lars von Trier sorgen. Der Däne war vor sieben Jahren nach einem polemischen Nazi-Sager von der Festivalleitung zur Persona non grata erklärt worden. Mit „The House That Jack Built“ kehrt das Enfant terrible an die Croisette zurück. Von Triers Serienmörder-Streifen läuft dort genauso wie Ron Howards „Star Wars“-Fortschreibung „Solo“ außer Konkurrenz. (jole)


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