Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.05.2018


Kino

Gemeinplätze als schlichte Lebensregeln

Die Regisseurin Iram Haq erzählt in „Was werden die Leute sagen“ von der engen Welt in ihrer Jugend.

© PolyfilmAls Gefangene in Pakistan: Maria Mozhdah als Nisha in Iram Haqs „Was werden die Leute sagen“.Foto: Polyfilm



Von Peter Angerer

Innsbruck – Nisha (Maria Mozhdah) hat nie darum gebeten, ihre Eltern und ihren Bruder von Pakistan nach Norwegen zu begleiten. Dennoch wird von ihr Dankbarkeit gefordert, schließlich musste ihr Vater Mirza (Adil Hussain) jene Arbeiten verrichten, die für Norweger nicht mehr zumutbar waren. Jetzt betreibt Mirza einen kleinen Gemischtwarenladen für die pakistanische Gemeinde und wenn sich ein Norweger aus Bequemlichkeit in den Laden verirrt, bekommt er noch immer die Verachtung der Einheimischen zu spüren. Das Lächeln rutscht ihm dann aus seinem sonst freundlichen Gesicht.

Religion spielt in der Familie keine besondere Rolle, Nisha muss kein Kopftuch tragen. Obwohl die Mutter auch nach Jahren kein Norwegisch versteht, ist Nisha eine hervorragende Schülerin. Damit steht die Familie für eine gelungene Integration.

Als sich die 15-Jährige in ihrer multikulturellen Clique in ersten scheuen Annäherungen an das andere Geschlecht erfahren möchte, rastet der Vater aus, wird gewalttätig und verlangt die sofortige Eheschließung. Da weder die norwegischen Gesetze noch Nishas Zuneigung, schließlich ist nichts passiert, die Wiederherstellung der „verlorenen Ehre“ erlauben, fliegt Mirza mit seiner Tochter nach Pakistan, um sie dort an die Tradition und die kulturellen Regeln zu gewöhnen. Der Reisepass der Gefangenen wird verbrannt, Fluchtversuche oder Hilferufe in einem Internetcafé werden bestraft. Demnächst wird das Mädchen wohl einen ihr Unbekannten heiraten müssen.

Die norwegische Regisseurin Iram Haq erzählt in ihrem zweiten Kinofilm „Was werden die Leute sagen“ ihre persönliche Geschichte. Wie Nisha wurde sie von ihren Eltern entführt und musste zwei Jahre in Pakistan verbringen, bis ihr die Flucht in die Freiheit und ein neues selbstbestimmtes Leben gelang.

Anders als in erfolgreichen Filmkomödien wie „Monsieur Claude und seine Töchter“, in denen Gemeinplätze („Das wird man wohl noch sagen dürfen!“) den Alltagsrassismus rechtfertigen, sucht Iram Haq in ihrem aufwühlenden Film den Notausgang aus schlichten Lebensregeln.