Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.05.2018


Kino

,,Deadpool“: Das selbstlose Schandmaul kommt zurück auf die Leinwan

Der Erfolg von „Deadpool“ machte ein Sequel unausweichlich. In diesem wird ein nicht gerade jugendfreier Superheld erwachsen – und langweiliger.

© CentfoxIn „Deadpool 2“ entdeckt der eigennützige Held wider Willen den Moralisten in sich. Auf die Überzeugungskraft von Schusswaffen will er deshalb freilich nicht verzichten.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Deadpool ist das ungezogene Kind der Marvel-Familie. Bei seinem ersten Auftreten 2016 tanzte der Superheld, der zwar super, aber kein Held sein will, mit wenig familientauglicher Wortwahl aus der Reihe. Der Film bekam in Amerika ein „R-Rating“ für „starke Gewalt und anstößige Sprache, sexuellen Inhalt und Nacktheit“. Ein Wagnis für einen Comic-Film. Die streben gemeinhin den größten gewinnbringenden Nenner aller Publikumssegmente an. Und dafür ist „nicht jugendfrei“ denkbar ungeeignet.

Aber gerade das bescherte dem Flegel mit der roten Maske ungeahnt hohe Einspielergebnisse. Mehr als 660 Millionen Euro spielte der Film weltweit ein – und bewies, dass auch Comic-Fans irgendwann erwachsen werden. Nun also kommt das dieser Tage unausweichliche Sequel.

Während der Anti-Held Teil eins in seinem ironischen Voice-Over als Romanze bezeichnete, sei die Fortsetzung nun ein Familienfilm. Deadpool alias Wade Wilson (Ryan Reynolds) hat seine Frau wiedergefunden und sie denken in einer absichtlich überzeichneten Sequenz gerade über Heirat und Kinder nach, als das Schicksal gewaltvoll zuschlägt und Wade erstmal auf Selbstmitleids- und Selbstfindungs-Trip schickt. Dieses Muster ist altbekannt, „Deadpool 2“ stellt es aus. Der Film ist eben auch Parodie auf das Superhelden-Genre. Deadpool jedenfalls plant seinen Freitod und wird von Colossus, einem Mitglied der X-Men-Superheldentruppe, gerettet.

Später findet Deadpool sich und seine Aufgabe im Gefängnis wieder: Ein Widersacher aus der Zukunft (Josh Brolin als Cable) setzt ihm zu – und wird zum Anlass für von Regisseur David Leitch hervorragend inszenierte Action-Verfolgungsjagden auf dem Weg zum Finale. Dazwischen werden im Schnellverfahren noch neue Neben-Superhelden gecastet. Wobei sich Deadpool als gender-bewusst erweist: X-Men war einmal, hier kämpft die X-Force. Immerhin ist mit Domino auch eine Frau dabei. Ihre Superkraft: Sie hat einfach immer Glück. Gespielt wird dieser interessanteste Neuzugang im Comic-Kino-Universum von der gebürtigen Berlinerin Zazie Beetz.

Der erste „Deadpool“ begann als kleiner Parodiefilm. Sein ungeahnter Erfolg weckte Begehrlichkeiten. Und die gingen auf Kosten des Risikos. Mit Teil zwei ist Deadpool erwachsen – und etwas langweiliger geworden. Man merkt dem Film an, dass niemand etwas falsch machen wollte: Die oberflächlichsten Elemente des Überraschungs-Erfolgs werden wiederholt und gesteigert. Dabei büßt Deadpool allerdings den ihm eigenen moralbefreiten Egoismus ein. Gerade der machte ihn einzigartig. In Teil eins wehrte er sich dagegen, von den guten X-Men rekrutiert zu werden: Er hatte durchaus Spaß am Töten – und wollte im Grunde nur zwei Sachen: Er wollte seine Frau und sein Gesicht zurück. Im Sequel entdeckt er nun seine Selbstlosigkeit, wird zu einem Schandmaul, das für das Gute kämpft. Dieser Altruismus steht ihm nicht gut zu Gesicht. Der Bruch mit der sentimentalen Helden-Moral wird hier klammheimlich wieder geheilt. Übrig bleiben ungezogene Dialoge, dreckige Insider-Schmähs und grund­solides Spektakel. Die intelligenten Reflexionen eines Superhelden über das Genre, durch das er sich widerwillig bewegt, sind eher Sahnehäubchen als Essenz des Films.

Wie gut der bravere Deadpool beim Publikum ankommt, wird sich spätestens kommende Woche zeigen. Dann ist nämlich mit Han Solo ein anderer raubeiniger Anti-Held im Kino.




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