Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 25.05.2018


Kino

,,In den Gängen“: Ein Ballett mit Maschinen und Menschen

Mit dokumentarischer Genauigkeit erzählt Thomas Stuber in seinem Film „In den Gängen“ vom Alltag und den Träumen in einem Supermarkt.

© PolyfilmDie Kunst, einen Gabelstapler zu lenken: Franz Rogowski als Christian und Sandra Hüller als „Süßwaren-Marion“.



Innsbruck – Wenn die Lagerarbeiter im Großmarkt ihre Garderoben verlassen, müssen sie an einem Spiegel vorbei, der sie daran erinnert, sich für den Kunden zu präparieren. Christian (Franz Rogowski) muss sich daher die Ärmel seines Arbeitsmantels über die Handgelenke ziehen, da die Tätowierungen irritieren könnten. Der ehemalige Bauarbeiter begegnet allerdings in der von ihm bevorzugten Nachtschicht kaum einem Kunden.

Thomas Stuber inszeniert diese Nachtsequenz als Maschinenballett. Wie kleine Raumschiffe kreuzen sich die Gabelstapler in diesem Labyrinth aus Gängen und Regalen. Der Donauwalzer auf der Tonspur ist mehr als eine Hommage an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“. Die fantasievolle Überhöhung haben sich auch die Arbeiter angewöhnt, um den Arbeitsalltag erträglich zu machen. Die Tiefkühlabteilung ist für sie eine Reise nach Sibirien; wenn sie die Gabeln ihres Staplers in die Tiefe fahren, hören sie (und wir) das Rauschen des Meeres.

Mit dokumentarischer Genauigkeit verfolgt Stuber die Arbeitsabläufe, denn jeder Handgriff muss geübt werden. Christian befindet sich noch in der Probezeit, Bruno (Peter Kurth) schult ihn bei den Getränken ein und wird ihm sagen, wenn es an der Zeit ist, „auf den Bock“ zu steigen. Als Christian einmal durch eine Lücke zwischen den Regalen schaut, entdeckt er „Süßwaren-Marion“ (Sandra Hüller), die mit der Kunst, einen Gabelstapler zu lenken, längst vertraut ist.

Zwischen Sibirien und den Süßwaren liegt das aus zwei Aquarien bestehende „Meer“, wo die Frischfische auf Käufer warten und die Räuber nach Beute aus dem Nachbar­aquarium schielen. Der Supermarkt ist für Christian, Marion und Bruno die Schutzzone, in der Außenwelt der „Neuen Bundesländer“ werden die Arbeiter schnell zur Beute. Kredite für das vielleicht zu groß geratene Eigenheim müssen bedient werden, manche haben die Wende von der DDR in die Marktwirtschaft und die damit verbundenen privaten und sozialen Tragödien noch nicht verarbeitet.

Nach dem Drehbuch von Clemens Meyer erzählt Christian im Off die Geschichte über Liebe und Zweifel in einem Ton, der zwischen Tagebucheintrag und dem Geständnis für ein Polizeiprotokoll pendelt. Neben den für einen deutschen Film ungewöhnlich stimmigen, wortkargen Dialogen vermitteln vor allem die beiden Hauptdarsteller Sandra Hüller und Franz Rogowski durch ihre Pas-de-deux-Performance mit und ohne Gabelstapler an diesem unwirtlichen Schauplatz eine beglückende Leichtigkeit. (p. a.)




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