Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.05.2018


Cinematograph

Annäherung an den Übervater

„Die Legende vom hässlichen König“ sucht nach Spuren des Ausnahmeregisseurs Yılmaz Güney.

© FilmladenDer türkisch-kurdische Autor und Regisseur Yılmaz Güney schuf mit „Yol – Der Weg“ 1982 einen Jahrhundertfilm des politischen Kinos.



Innsbruck – Wenn Geschichte sich reimt statt sich genau zu wiederholen, ist Yılmaz Güney ein unheimlicher Gleichklang auf die Gegenwart. Der große Regisseur des Weltkinos türkisch-kurdischer Herkunft war ein Geschichtenerzähler, den die Politik in seinen Filmen ebenso wenig losließ wie im Leben. International wurde er mit der Goldenen Palme 1982 zum Kinomythos eines politisch-poetischen Autorenfilmers, der seinen Film „Yol – der Weg“ auf der Gefängnisinsel Imralı schrieb und ihn nach seiner Flucht im Exil fertigstellte. Dieser auf Grund von Rechtsstreitigkeiten selten gezeigte Jahrhundertfilm war sein Opus magnum.

In seiner Heimat wurde Güney schon lange vorher unter dem Namen einer seiner Schauspielrollen als „hässlicher König“ des türkischen Kinos verehrt. Dem Mythos Yılmaz Güney geht nun die großartige Porträt-Doku „Çirkin Kral’in Efsanesi – Die Legende vom hässlichen König“ nach, die bereits beim Filmfestival Toronto und der diesjährigen Diagonale gezeigt wurde. Der Porträtfilm beleuchtet mit einer Fülle von Material und Interviews die Verwandlungen, die der 1937 geborene Güney in seinem Leben durchmachte, vom Schnulzen-Star in der türkischen Trash­kino-Fabrik Yesilçam zum linken Aktivisten unter der Militärdiktatur und Übervater des türkischen Kunst-Kinos.

Der deutsche Regisseur des Porträts Hüseyin Tabak ist selbst kein Unbekannter, der Absolvent der Filmakademie Wien legte 2012 mit „Deine Schönheit ist nichts wert“ ein erfolgreiches Spielfilmdebüt vor. In der Doku fungiert er als Spurensucher nach den vielen Facetten der ambivalenten Figur Yılmaz Güney – ein gängiger Kunstgriff, hier angenehm zurückhaltend eingesetzt.

Auch die dunklen Seiten des impulsives Großmeisters werden nicht verschwiegen, etwa wenn er für seinen letzten Film „Duvar – Die Mauer“ (1984) Kinderdarsteller schlägt, um sie gleich danach liebevoll zu trösten. Zu diesem Zeitpunkt ist Güney bereits todkrank – er stirbt im September 1984 an Magenkrebs.

Die Aktualität Güneys erschöpft sich nicht im Bezug zum Erdogan-Regime in der Türkei; sein Kino war und ist auf eine zutiefst menschlich Weise politisch. (maw)


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