Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.05.2018


Internationales Film Festival Innsbruck

Der tröstliche

Trotz eines Todgeweihten

Fernando Pérez’ tragische Komödie „Últimos díaz en La Habana“ eröffnet morgen Abend das 27. Internationale Film Festival Innsbruck.

© TrigonGrimmig im grindigen Havanna: Patricio Wood träumt als Miguel von einer Zukunft außerhalb Kubas.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Dass die kubanische Hauptstadt Havanna ganz schön grindig sein kann, führte Fernando Pérez bereits 2003 in seinem wunderbaren halbdokumentarischen Essayfilm „Suite Habana“ eindrücklich vor Augen, in dem er dreizehn Menschen – vom Jungen mit Down-Syndrom bis zur greisen Erdnussverkäuferin – durch ihren Alltag in einer maroden Umwelt begleitete. Damals verzichtete Pérez, der fraglos renommierteste kubanische Filmemacher seiner Generation, komplett auf Dialoge.

Auch Miguel (Patricio Wood), einer der beiden Protagonisten in Pérez’ jüngstem Film „Últimos días en La Habana“, der am Dienstagabend das Internationale Film Festival Innsbruck eröffnen wird, hätte sich für „Suite Habana“ angeboten. Miguel ist Anfang 50 – und ein Mann weniger, zumeist grimmiger Worte. Er hält sich als Tellerwäscher mehr schlecht als recht über Wasser – und träumt von den Vereinigten Staaten. Den Ausreiseschein hat er vor Jahren beantragt, aber die Mühlen des real existierenden Sozialismus mahlen langsam. Allen Erfolgsmeldungen aus dem Radio zum Trotz. Dort schwärmt eine blecherne Stimme vom kubanischen Gesundheitssystem. Miguel glaubt ihr kein Wort. Er teilt sich eine heruntergekommene Wohnung mit Diego (Jorge Martínez) – und Diego liegt im Sterben. Er hat Aids. Doch anders als Miguel ist Diego einer, der kaum die Klappe halten kann, Katzenjammer ist seine Sache nicht. Er ist geschwätzig, vorlaut, bisweilen vulgär – und nie frei von Hoffnung. So trotzt der Todgeweihte dem Unausweichlichen. Irgendwann zieht auch Diegos hochschwangere und nicht weniger quirlige Nichte in die vor sich hin bröckelnde Wohnung. Auch sie sucht nach einem Ausweg aus der täglichen Misere – würde sich aber mit der Aussicht auf eine eigene Wohnung zufriedengeben. Natürlich erst später, wenn Diego einmal nicht mehr ist.

In seinem größten internationalen Erfolg – „La vida es silbar“ (1998) – erzählte Fernando Pérez den Alltag in Cas­tros Ruinenstaat als karibisches Märchen. In „Últimos días en La Habana“ ist es der manchmal derbe, dann wieder heiter-beschwingte Ton der Komödie, der Entbehrungen und Aussichtslosigkeit ins Erträgliche dreht. Nur lachend lohnt das Überleben. Nur lächelnd lässt sich überleben. An dieser Überlebensstrategie wird sich auch Miguel erinnern, nachdem sein amerikanischer Traum endlich wahr geworden ist. Mit dessen Erfüllung geht auch die Ernüchterung einher.