Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 01.06.2018


Film und TV

“Tully“: Zumutungen und Defizite

Mit der stillen Komödie „Tully“ schließen Regisseur Jason Reitman und seine Drehbuchautorin Diablo Cody ihre Trilogie über werdende Mütter ab.

© Charlize Theron als überforderte Mutter, die sich keinen Nervenzusammenbruch erlauben darf. Die südafrikanische Oscar-Preisträgerin brilliert in Jason Reitmans „Tully“. Foto: Thimfilm



Von Peter Angerer

Innsbruck – Nach Jonah (Asher Miles Fallica) und Sarah (Lia Frankland) haben Marlo (Charlize Theron) und Drew (Ron Livingston) beschlossen, sich bei der Geburt ihres dritten Kindes überraschen zu lassen. Schließlich war das Kind nicht geplant, außerdem beansprucht Jonah die gesamte Aufmerksamkeit der Familie.

Der Bub leidet unter einer seltenen neurologischen Störung, für die es noch keine Bezeichnung gibt. Vor der Schule kann Jonah nur aus dem Auto steigen, wenn es auf dem gewohnten Platz abgestellt ist, und das kann dauern. Eigentlich würde er eine Vollzeitbetreuung benötigen. Dafür fehlt Marlo und Drew allerdings das Geld. Marlos reicher Bruder Craig (Mark Duplass) würde gern aushelfen, doch der Stolz lässt keine Unterstützung zu. Das Angebot, zumindest in den ersten Wochen nach der Geburt das Geschenk einer Nacht-Nanny anzunehmen, kann Marlo dagegen nicht ausschlagen.

Es sind die schlaflosen Nächte, die über Bedenken und einschlägige Nachrichten und Filme über Kindermädchen, die die ihnen anvertrauten Kinder entführen oder töten, triumphieren. So kommt Tully (Mackenzie Davis) ins Haus. Tully ist nicht nur als Kindermädchen perfekt, plötzlich strahlen auch Küche und Wohnräume wie in einem Märchen, in dem Kobolde die kleinen und großen Wunder vollbringen. Tully ist jene Frau, die Marlo vielleicht einmal gewesen war. Besonders angetan von den Veränderungen ist Drew, zumal ihm dieser geheimnisvolle Geist noch nie begegnet ist.

Dem Regisseur Jason Reitman und der Drehbuchautorin Diablo Cody gelang 2007 der gemeinsame Durchbruch mit der Komödie „Juno“, in der eine 15-Jährige schwanger wird und mit Unterstützung ihrer Familie gezwungen ist, schnell erwachsen zu werden, um die kommenden Herausforderungen zu meistern. Cody wurde für ihr Debüt mit dem Drehbuch-Oscar belohnt und der weltweite Blockbuster-Erfolg ließ auch die Budgets der nächsten Produktionen ansteigen.

Nach der Komödie „Young Adult“, in der bereits Charlize Theron zu sehen war, ist „Tully“ das dritte Projekt von Reitman und Cody und irgendwie auch der krönende Abschluss einer Trilogie. Zusätzlich sind in „Tully“ wie in einem Bilderrätsel drei Filme versteckt.

Der erste Film gehört ganz allein Charlize Theron. Die südafrikanische Oscar-Preisträgerin (für „Monster“, 2003) hat für ihre Rolle als überforderte Mutter 25 Kilo zugelegt. Es sind diese Zumutungen in einem wahrscheinlich anders erträumten Leben, die Marlo den Blick auf ihr Erscheinungsbild geraubt haben. Nie durfte sie auf die ihr auferlegte Verantwortung mit einem Nervenzusammenbruch reagieren. Der Ignoranz der Schulbehörde gegenüber den Bedürfnissen ihres Sohnes möchte Marlo mit einem Wutausbruch begegnen, das bescheidene Einkommen verlangt jedoch Gesten der Unterwerfung. Wie Charlize Theron diese Wühlarbeit in den dunklen Gängen der Psyche darstellt, ist ganz große Schauspielkunst. Von Marlos Verwandlung in einen ausgeglichenen Menschen, der jeder Situation gewachsen ist, erzählt der zweite Film. Es haben sich so manche – auch erotische – Defizite in diesem bescheidenen Vorstadtleben angehäuft und sogar hier kann das Kindermädchen, vorerst als Stellvertreterin, helfen und damit beginnt auch schon der dritte Film, der vom Preis der Metamorphose erzählt und über den hier nicht viel verraten werden soll. Mit einem anderen Regisseur wäre aus „Tully“ vielleicht ein Horrorfilm geworden, doch Jason Reitman bleibt bei seinem Stil der leisen Komödie mit einer Reihe von schmerzhaften und magischen Momenten.


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