Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 30.05.2018


Film und TV

Das Ende von Anarchie und Patchworkfamilie

In Gabriel Julien-Laferrières Wohlfühlkomödie „Wohne lieber ungewöhnlich“ übernehmen Kinder die Erziehungsarbeit.

© FilmladenEineinhalb Kinder pro Ehe: Julie Gayet als Sophie mit ihrem frustrierten Filmsohn Teilo Azaïs in „Wohne lieber ungewöhnlich“.



Innsbruck – Während der Standesbeamte die traditionellen Werte der Ehe hervorhebt, stellt der pubertierende Bastien (Teilo Azaïs) seine persönliche Statistik auf. Mit eineinhalb Kindern, die seine Mutter Sophie (Julie Gayet) pro Ehe zur Welt bringt, muss sich Frankreich keine Sorgen machen.

Mit Hugo (Lucien Jean-Baptiste) streift Sophie gerade ihrem dritten Ehemann einen Ring über den passenden Finger und während wir noch nachrechnen, wie sich das mit dem halben Kind ausgehen soll, fährt die Kamera in die Totale. Hugo wird als Senegalese vorgestellt und bringt einen Sohn mit in die Ehe. Dessen Mutter Babette (Claudia Tagbo) verfolgt die Zeremonie mit einer Mischung aus Sympathie und Sorge, die mit den künftigen Unterhaltszahlungen zu tun hat. Daneben gibt es noch andere Väter, Mütter und Unterhaltsberechtigte, über deren Zahl Bastien den Überblick verloren hat.

Trotz der statistischen Unschärfe stehen letztlich sieben Kinder ebenso vielen Erziehungsberechtigten gegenüber. Bastien entwickelt als federführendes Gehirn einen Plan, dem mühsamen Regelwerk einer Patchworkfamilie zu entkommen. Die Kinder möchten nicht mehr jeden zweiten Tag Schlaf- und Lernplatz wechseln, sondern die Kontrolle übernehmen.

Gabriel Julien-Laferrière folgt mit seiner Komödie „Wohne lieber ungewöhnlich“ dem französischen Kinotrend, mit Komik auf demografische Entwicklungen für ein möglichst großes Publikum zu reagieren, ohne Minderheiten zu kränken.

Nachdem multikulturelle Patchworkfamilien längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, übernimmt Julien-Laferrière die Perspektive seiner Protagonisten, die eine differenziert konservative Einstellung haben. Sie lieben den Klamauk wie die Kinder in „Krieg der Knöpfe“, das Partyleben wie Sophie Marceau in „La Boum“, doch irgendwann soll die Anarchie ein Ende haben. Die Kinder verlangen nach Stabilität. Als Moralisten schreiten sie zur Erziehungsarbeit. Die Eltern, die in einer schwierigen Phase ihrer Entwicklung gefangen sind, müssen sich endlich ihrer sozialen Verantwortung stellen. (p. a.)


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