Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.06.2018


“System Error“

Zwischen Wachstum und Wahnsinn

Florian Opitz feiert in seinem Dokumentarfilm „System Error“ den Jahresregenten Karl Marx gegen die Propheten der neoliberalen Wirtschaft.

© PolyfilmGrenzenloses Entertainment für ungebremstes Wachstum: Anthony Scaramucci versteht sich als Prediger des Kapitalismus.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Bis das Mikrofon sitzt, der Sender im Hosenbund befestigt, die Kameraeinstellung fixiert wird, ist zwangloses Geplauder angesagt, das nichts von den Themen des geplanten Interviews vorwegnehmen soll. Aber einem US-Amerikaner und besonders Anthony Scaramucci, 2017 für zwei Wochen Kommunikationschef in Donald Trumps Administration, muss man Smalltalk natürlich nicht erklären. Im Vorzimmer des Hedgefondsmanagers hängen Maßanzüge für jeden Tag und Anlass, also ist Mode das naheliegende Thema und Scaramucci legt los. „Ihr seht scheiße aus!“, sagt er zum unsichtbaren deutschen Team hinter der Kamera. Ungezwungener geht Aufwärmen nicht, aber zum Thema grenzenloses Wachstum benötigt Scaramucci ohnehin keine Auflockerung, beinahe täglich predigt er in seiner Sendung „Wall Street Week“ die Segnungen des Kapitalismus.

Der deutsche Regisseur und Autor Florian Opitz („Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“) lässt in seinem Dokumentarfilm „System Error“ prononcierte Anhänger der Wachstumsideologie das Bild einer Welt entwerfen, die ihren Bewohnern ein angenehmes Leben in Wohlstand garantiert. Dabei dürfen die Profiteure schwadronieren, sich in ihren Fantasien verlaufen, bis die Erde wieder zur Scheibe wird.

Für brasilianische Rinder- und Soja-Barone ist die Idealvorstellung ein abgefackelter Regenwald, um Platz für Anbau- und Weideland zu schaffen. Für den chinesischen Airbus-Manager Eric Chen könnte sich die Welt demnächst in ein Dorf verwandeln, wenn sich alle Chinesen endlich Flugtickets leisten können. Chen erinnert an die Fahrräder, die früher Pekings Straßenbild geprägt haben. Die Fahrräder sind verschwunden, dafür herrscht auf den Straßen der Stillstand, um erst gar nicht von der Luft zu reden. Na ja, sagt Herr Chen, „die Menschen müssen sich entscheiden“.

Solche Albernheiten werden durch eine Zauberformel begünstigt, die seit 1948 den Wohlstand in allen Ländern misst. Als sich auf Druck der USA die Länder auf die Berechnung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) einigten, wurde zwar jede Form der Wertschöpfung wahrgenommen, während die Folgen und die Schäden an Umwelt und Menschen nicht erhoben wurden.

Auch Florian Opitz verzichtet weitgehend auf drastische Bilder der Zerstörung, wie sie etwa zuletzt Werner Boote in „The Green Lie“ geliefert hat. Der britische Wirtschaftswissenschafter und Wachstumskritiker Tim Jackson hat in „System Error“ das letzte Wort: „Es gibt nur eine Erde.“ Damit sind auch dem Wachstum irgendwann Grenzen gesetzt. Aber auch dazu gibt es schon neue Ideen.


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