Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.06.2018


“Das Testament“

Die versiegelte Erinnerung

Amichai Greenberg verlegt in seinem Film „Das Testament“ das Massaker von Rechnitz an 200 jüdischen Zwangsarbeitern in das fiktive Lendsdorf.

© StadtkinoDer Holocaustforscher Yoel Halberstam (Ori Pfeffer) sucht ein Massengrab, über das Politiker und Investoren Gras wachsen lassen wollen.Foto: Stadtkino



Von Peter Angerer

Innsbruck – Die saftigen Wiesen vor Lendsdorf, irgendwo an der ungarisch-österreichischen Grenze, sind vermessen und der Bürgermeister (Michael Fuith) möchte endlich den Startschuss für den Bau des Einkaufszentrums geben. Mit der Versiegelung des Geländes könnte auch endgültig Gras über eine Geschichte wachsen, die als dunkler Schatten über dem Dorf liegt. Dabei könnte es sich auch um ein Gerücht handeln, denn in Lendsdorf weiß man nichts von 200 ermordeten jüdischen Zwangsarbeitern, die in dieser Idylle verscharrt worden sein sollen.

Dem israelischen Holocaustforscher Yoel Halberstam (Ori Pfeffer) bleiben gerade einmal zwei Wochen, um Zeugen und Dokumente beizubringen, die dieses Massaker in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 belegen und einen Hinweis auf das Massengrab liefern.

In Jerusalem findet Halberstam für seine Recherche zuerst einmal keine Unterstützer, da es mit Investoren und österreichischen Politikern längst eine Vereinbarung gibt, mit einem „neuen Holocaust-Museum” für die diskrete Behandlung der Angelegenheit belohnt zu werden, schließlich gehe es darum, die Erinnerung an das Grauen zu bewahren. Halberstam geht es jedoch um die Wahrheit. Für die Wahrheit hat der orthodoxe Jude das Tora-Studium aufgegeben, statt Rabbi ist er Historiker geworden.

Mit dem Massaker von Lendsdorf erzählt Amichai Greenberg in seinem Regiedebüt natürlich von den Ereignissen bei Rechnitz, als der örtliche Gestapoführer Franz Podezin nach einem Fest im nahen Schloss ein Todeskommando zur Ermordung der Zwangsarbeiter anführte. Podezin konnte sich mithilfe der Schlossherrin Margit von Batthyány der Strafverfolgung entziehen. Die Beteiligten an diesem Verbrechen behalten wie Podezin auch bei Greenberg ihre Namen, nur dass sie eben in Lendsdorf töten. Das Massaker ist 2016 ein abstraktes Problem geworden, weshalb der Film einer anderen konkreten Fährte folgt und in das Thrillergenre wechselt.

Auch Halberstams Mutter Fania (Rivka Gur) möchte nichts mehr von den „alten Geschichten“ hören. Dabei müsste gerade sie, die Halberstams Vater an dem Tag geheiratet hatte, als der Gang in die Gaskammer bevorstand, an der Wahrheit interessiert sein. Doch konfrontiert mit der absoluten Wahrheit seiner jüdischen Identität bleibt von Halberstams Gelassenheit nicht viel übrig. Fania ist keine Jüdin, als Dienstmädchen hat sie bei jüdischen Familien erstmals so etwas wie Geborgenheit und Zuneigung erfahren, das Leben mit Halberstams Vater musste sie nie bereuen. Damit endet jedoch Halberstams Existenz als Jude, der er nur sein kann, wenn seine Mutter eine Jüdin ist. Wie kann er jetzt noch seinen Sohn zur Bar Mizwa führen, ohne Gott zu betrügen? Das muss man nicht so eng sehen, sagen Rabbi und Verwandte, auch um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden.

Die Verbitterung des tiefreligiösen Mannes bringt dafür – ohne Bart und Locken – einen euphorischen Historiker hervor, der entdecken muss, die Dokumente bisher falsch gelesen zu haben. Oft ist die Wahrheit auf der Rückseite eines harmlosen Papiers verborgen. So ähnlich funktioniert auch Amichai Greenbergs Film „Das Testament“, der viel über die unterschiedliche Wahrnehmung in Israel spüren lässt. Lendsdorf wird wohl auf ein Einkaufszentrum verzichten müssen.


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