Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.06.2018


Cinematograph

,,Der Hauptmann“: Terror auf Befehl von ganz oben

Der deutsche Hollywood-Regisseur Robert Schwentke kehrt mit der provokanten Farce „Der Hauptmann“ zurück nach Europa.

© FilmladenDer falsche Hauptmann Willi Herold (Max Hubacher) basiert auf einem historischen Kriegsverbrecher in den letzten Wochen des Nazi-Terrors.



Innsbruck – Die Wehrmachtsuniform eines Hauptmanns steht am Beginn dieses sehr speziellen Weltkriegsfilms. Ein junger Soldat auf der Flucht vor den eigenen Nazi-Kameraden findet sie in einem Auto am Wegrand und singt daraufhin „Das ist zu schön, um wahr zu sein“. Die innere Verwandlung durch die Sternchen an den Schulterklappen führt zu einem wilden Ritt durch die letzten Wochen des Nazi-Terrors. Es wird ein Lehrstück über die Verführung durch Macht ganz allgemein und die grausame Brutalität der faschistischen Ordnung im Zerfallsprozess.

Der falsche Hauptmann, manisch gespielt vom Schweizer Max Hubacher, findet zusehends Gefallen am Spiel mit der Autorität. Mit der Ansage, er handle „auf Befehl von ganz oben“, schwindelt er sich durch. Andere Deserteure (u.a. Frederick Lau) unterstellen sich seinem Befehl, froh ihre Haut zu retten. Er selbst zögert keine Sekunde, als er aufgefordert wird, „Ordnung zu machen“. Als er in einem Strafgefangenenlager landet, markiert er vor den anderen Offizieren den starken Mann und steigert sich in einen perversen Machtrausch hinein. Besonders der Exzess im Finale des Films macht deutlich, dass es hier nicht um realistische Zeitgeschichte geht – auch wenn die Episode durchaus historisch belegt und die Hochstapler-Geschichte zudem lose an den „Hauptmann von Köpenick“ angelehnt ist.

Robert Schwentke wagt mit diesem Stoff eine riskante Rückkehr nach Deutschland. Der gebürtige Stuttgarter lieferte in den letzten Jahren hochkarätig besetzte Studio-Filme in Hollywood ab, darunter etwa den Rentner-Actioner „R.E.D.“ mit Helen Mirren, Bruce Willis und Morgan Freeman oder „Flightplan“ mit Jodie Foster. Aus Amerika hat er einiges an szenischer Ästhetik und flüssiger Dramaturgie mitgebracht. Die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bilder von Florian Ballhaus schaffen Distanz und garantieren den europäischen Arthouse-Anspruch. Bei diesem hochpolitischen Thema ist das eine diffizile Mischung. Der Film steigert sich im Lauf der 118 Minuten immer mehr zur bitterbösen, zynischen Farce. Die Brutalität so mancher Szene und Dialogzeile ist dabei fast unverzichtbar, um den notwendigen Ernst zu wahren. Die Haltung des Films gibt dabei immer wieder einige Blicke in die Gesichter der Opfer und Täter vor, etwa als der Hauptmann einen „bunten Abend“ für die Lagersoldaten organisiert inklusive einiger Anklänge von Himmlers Posener Rede. Im April 1945 ist das allerdings alles längst eine offensichtliche Realitätsverweigerung auf den letzten Metern. Hannah Arendt­ merkte einmal an, dass der volle Schrecken der totalitären Lager bei ihrer Befreiung nicht erkennbar sei, sondern eigentlich in ihrem reibungslosen Funktionieren liege. Doch zumindest einige Mechanismen des Faschismus offenbaren sich im Untergang durchaus. Robert Schwentkes Film spielt mit dieser Endsituation und provoziert zum Nachdenken, besonders im absurden Epilog.

„Der Hauptmann“ feierte seine Premiere beim Toronto Filmfestival 2017 und war der durchaus kontrovers aufgenommene Eröffnungsfilm beim diesjährigen Max-Ophüls-Preis. Ein Ausflug in die Zeitgeschichte, der es in sich hat. (maw)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Kino
Kino

“Champagner und Macarons“: Skandale und andere Geschäftsmodelle

In „Champagner & Macarons“ wirft Agnès Jaoui einen satirischen Blick auf die französische Bourgeoisie.

Kino
Kino

“Der Bauer zu Nathal“: Auf Augenhöhe mit einem Mythos

„Kein Film über Thomas Bernhard" soll „Der Bauer zu Nathal" sein. Und tatsächlich beschäftigen sich die Regisseure David Baldinger und Matth...

TV
TV

Tiroler Josef Fankhauser gewinnt Kiddy Contest 2018

Mit dem Titel „Lederhosen-Rapper“ hat der elfjährige Schwendauer die Kinder-Gesangsshow am Samstag in Wien für sich entschieden.

TV
TV

Comeback bei Vox: Steffen Henssler zieht die Kochjacke wieder an

„Schlag den Henssler“ wurde gerade eingestellt. Für 2019 ist dafür eine Neuauflage der Koch-Show „Grill den Henssler“ geplant.

Film und TV
Film und TV

Stefan Raab feierte Comeback: Das Raabiversum schlägt zurück

Fast drei Jahre nach seinem Abschied vom Bildschirm ließ der deutsche Fernsehmoderator a. D. in Köln bei einer Bühnen-Show die Zeit vor seinem „Raabschied“ a ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »