Letztes Update am Fr, 08.06.2018 10:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Film und TV

,,Ein Mann seines Wortes“: Wim Wenders porträtiert Papst Franziskus

Der deutsche Filmemacher Wim Wenders zeichnet ein berührendes, intellektuelles Porträt des Papstes. Ab 14. Juni im Kino.

© imago/Ulmer/Lingria,,Papst Franziskus - ein Mann seines Wortes" von Wim Wenders läuft ab Mitte Juni im Kino.



Vatikanstadt/Wien — Der neue Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Wim Wenders über den Papst trägt den Titel „Papst Franziskus — ein Mann seines Wortes". Er habe diesen gewählt, berichtete der Filmemacher in den Vatican News, weil sich nach vier Gesprächen und Sichtung des Filmmaterials in den Vatikanarchiven sein erster Eindruck bestätigt habe: „Er meint alles, was er sagt, und er lebt auch, was er sagt."

Herausgekommen ist ein eineinhalbstündiger Film, in dem der Papst fast ununterbrochen spricht. Trotzdem — könnte man fast sagen — schafft es Wenders eindrucksvoll, ein berührendes und auch kurzweiliges Porträt des Denkens von Jorge Mario Bergoglio zu zeichnen. Der Film feierte Mitte Mai beim Festival in Cannes seine Weltpremiere. Ab 14. Juni läuft er im Kino.

Worte, bewegende Blicke und Gesten

Wie schon der Titel sagt, steht im Mittelpunkt das Wort: Die kurze, prägnante Formulierung, die für Papst Franziskus so typisch ist. Eigens für den Film gedrehte Interviewszenen mit dem Pontifex wechseln mit eindrucksvollen Aufnahmen von zahlreichen Pastoralreisen an alle Ecken der Welt — vom Flüchtlingslager auf Lampedusa bis zum Kongress in Washington, vom Slum in Brasilien bis zum Kinderkrankenhaus in Zentralafrika. Mit dieser Kombination gelingt Wenders auf unaufdringliche Weise eine Verbindung des Wortes mit Handlungen: Bewegenden Blicken und Gesten, die die Gedanken des Papstes und seine Verbindung mit den Menschen gleichsam sichtbar machen.

Während seiner mehr als zweijährigen Recherche habe Wenders „ungefähr alles gesehen, was er (der Papst, Anm.) gesagt hat". Die Kommunikation mit dem Vatikan sei „ausgesprochen unbürokratisch" gewesen; Dario Vigano, der Präfekt des Sekretariats für Kommunikation, habe das Projekt initiiert und dem Regisseur „von Anfang an gesagt, wir reden dir da nicht rein, du machst den Film, den du für richtig hältst".

„Es war alles komplett natürlich, was er gemacht hat"

Bei den gefilmten Interviews mit dem Papst habe Wenders auch deswegen eine große Last der Verantwortung gespürt, „weil mir ja niemand hineingeredet hat". Seinem Team habe Wenders von Anfang an klar gemacht, dass Papst Franziskus niemals gebeten werde, irgendeine Frage ein zweites Mal zu beantworten. Nie wurde dem „Hauptdarsteller" eine bestimmte Geste nahegelegt oder ein Blick in die Kamera — „es war alles komplett natürlich, was er gemacht hat, er war tatsächlich nie sein Schauspieler, er war immer nur er selbst".

Besonders in Erinnerung geblieben ist Wenders die Art des Papstes zu kommunizieren, „wie direkt er ist, wie er den Leuten in die Augen schaut und wie aufmerksam er jedem gegenüber steht, den er trifft". Vor dem Drehen habe er stets alle im Filmteam — Assistenten, Elektriker, Bühnenarbeiter, Produzent oder ihn selbst als Regisseur — „gleich freundlich und herzlich begrüßt, allen die Hand geschüttelt". Auch damit mache Franziskus deutlich, dass für ihn alle gleich sind.

Keine Biographie, sondern ein intellektuelles Porträt

Der Film ordnet sein Material thematisch, von der Armut über Naturkatastrophen oder dem Flüchtlingsthema bis zum Interreligiösen Dialog. Es geht also nicht um eine Biografie Bergoglios, sondern um ein intellektuelles Porträt dieses Mannes, der zur Stunde an der Spitze der katholischen Kirche steht.

Wenders selbst sagte im Gespräch mit Vatican News, dass sein Filmprojekt „keine Biographie über Herrn Bergoglio" sein sollte, sondern „eine Biographie dessen, wofür Papst Franziskus steht" — und das sei „sein Wort". Der 72-jährige Regisseur stammt selbst aus einer katholischen Familie, wollte als junger Mann Priester werden und ist zweifacher Ehrendoktor der Theologie.

Wenders selbst interpretiert mit gesprochener Narration

Eine gewisse Schwäche stellt indes die von Wenders selbst gesprochene Narration dar, die allerdings sparsam eingesetzt wird. Hier wirkt es manchmal, als würde dem starken Material nicht genug vertraut und versucht, dieses in ein eigenes interpretatives Schema zu zwängen, das der Tiefe und Vielfalt der Gedanken des Papstes zu den Nöten der heutigen Zeit nicht immer gerecht wird.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Gestaltung der Szenen, in denen Wenders auf Franziskus' Namensgeber, den heiligen Franz von Assisi hinweist, und Parallelen zwischen dem Papst aus dem 21. Jahrhundert und dem Heiligen aus dem 13. Jahrhundert zieht. Diese Idee wäre an sich nicht schlecht, doch leider bleibt das Franziskus-Bild des Regisseurs bei der anachronistischen Darstellung eines verklärten Natur-Hippies stehen und wird dem historischen Heiligen begrenzt gerecht. Zudem wirken die zur Illustration des Lebens des heiligen Franziskus gedrehten schwarz-weißen Spielszenen verkrampft und oft unfreiwillig komisch. Da wäre weniger wohl mehr gewesen.

Zurückhaltende Montage und vielfältige Musik

Glücklicherweise bleiben die schwächeren Momente dieses zum Nachdenken anregenden Filmes in der klaren Minderzahl. Die angenehm zurückhaltende Montage sowie die vielfältige Musik von Laurent Petitgrand umschiffen gekonnt die Gefahren des propagandistischen Tons wie auch des kitschigen Pathos.

Inhaltlich bleibt der christliche Glaube eher im Hintergrund, wird aber an manchen Stellen doch als Grundlage des Sprechens und Handelns des Papstes deutlich. Der Film wendet sich damit auch an Zuschauer, die mit Religion vielleicht nicht viel am Hut haben, sich aber — wie Wenders — Gedanken über den Zustand der Welt machen und nach Antworten suchen.

Auf die Frage, ob es etwas gibt, dass er mit oder bei Franziskus gelernt habe, antwortete Wenders: „Das, was mir am meisten geblieben ist, ist sein Mut, seine komplette Furchtlosigkeit. Er ist wirklich einer der mutigsten Menschen, denen ich je gegenübergestanden bin." Ihn habe jedes Mal aufs Neue beeindruckt, „wie wenig Scheu er hat, wie offen er ist, wie ungeschützt er den Menschen gegenübertritt. Dazu braucht man vor allem Mut." (APA/dpa, TT.com)