Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.06.2018


Film und TV

Visionen und gescheiterte Utopien

Mit dem Dokumentarfilm „Vom Bauen der Zukunft“ feiern Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch 100 Jahre Bauhaus.

© PolyfilmWie viel Platz benötigt ein Mensch zum Wohnen? Im Bauhaus in Dessau wurden erstmals die Proportionen für die Bauplanung erforscht.Foto: Polyfilm



Innsbruck – Den Verwüstungen, die der Erste Weltkrieg in den Menschen hinterlassen hatte, wollte der Architekt Walter Gropius 1919 mit einer Kunstschule in Weimar beikommen. Nichts weniger als „Zusammenklang von Mensch und Kosmos“ sollte erreicht werden und dabei so etwas wie der „neue Mensch“ sichtbar werden.

Die Künstler Wassily Kandinsky und Paul Klee lehrten den Umgang mit Formen und Farben. Für das spießige Weimar war das Bauhaus jedoch eine unerträgliche Zumutung, weshalb die Kunstschule 1925 in die Industriestadt Dessau übersiedeln musste. Dort entstand mit der Arbeitersiedlung Dessau-Törten der erste Bauhaus-Bau.

Die 88 Reihenhäuser sind noch immer bewohnt, wenn auch nicht immer im Originalzustand. Die Kleingärten zur Selbstversorgung werden mehr denn je genutzt. Eine ältere Dame, die Tochter des Erstbeziehers, sagt, sie lasse „nichts über Walter Gropius kommen“.

Gropius hatte damals ein Modulsystem entwickelt, das sich beliebig erweitern und variieren ließ und erstmals auch leistbares Wohnen ermöglichte. Die Nationalsozialisten hatten natürlich ganz andere Vorstellungen vom neuen Menschen. Die Kunstschule wurde 1933 geschlossen, die Lehrer mussten emigrieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war an keine Rückkehr zu denken, denn Dessau lag nun in der DDR, wo schon wieder ein neuer Mensch entworfen wurde. Für die kommunistischen Machthaber war das Bauhaus kaum mehr als eine Schule der Dekadenz.

Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch halten sich in ihrem Dokumentarfilm „Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus“ dann auch nicht lange in den inzwischen restaurierten Institutsgebäuden auf, sondern folgen den Spuren, die von den in alle Teil der Welt verstreuten Avantgardisten ausgelegt wurden. Sie finden Monumente aus Beton, der als Baumaterial für ein neues Lebensgefühl herhalten musste und als Mahnmale für gescheiterte Utopien dem Verfall entgegensehen. Den Bauhaus-Visionen verdankt sich auch die Neuordnung in vielen Großstädten.

Das Auto wurde zum Symbol der Moderne, Arbeit und Wohnen wurden getrennt, die Menschen zur Verwahrung in Vorstädte abgeschoben. Die Hochhäuser wurden zwar nach menschlichem Maß geplant, Le Corbusier rechnete mit einem 1,83 Meter großen Idealbewohner, doch die Vorstädte sind längst zum Symbol für soziale Probleme geworden. Mit diesem Maß rechnet auch der aus Laos stammende Architekt Van Bo Le-Mentzel, der in Berlin Wohnräume für Bezieher der Mindestsicherung entwirft. Auf sechs Quadratmetern ist Platz für Küche und Schlafzimmer. Und schon wird wieder ein neuer Mensch entworfen.

Die Schweizer Architekten Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner lassen sich neben der Bauhaus-Tradition auch vom Erfindungsreichtum der Slumbewohner in Südamerika inspirieren. Sie verändern das Leben der Menschen mit Infrastruktur. (p. a.)