Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.06.2018


Kino

Himmlische Dienstreisen: Kino-Doku über Papst Franziskus

Wim Wenders zeigt in seinem Dokumentarfilm „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ einen faszinierenden Menschen, der an einer utopischen Welt ohne Elend und Gier arbeitet.

© UPI2013 wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio vom Konklave zum Papst gewählt. Als Franziskus propagiert er seither eine Kirche der Armut.Foto: UPI



Innsbruck – In Schwarzweiß und im Format der Stummfilme bricht Franz von Assisi, begleitet von einem mächtigen Soundtrack, als erster Revolutionär der Geschichte auf, um seine Botschaft von Armut und einfachem Leben in die Welt zu tragen. Wim Wenders, neben Martin Scorsese der bedeutendste nicht geweihte Priester des Weltkinos, erzählt die bewegende Geschichte im Off, Fresken des großen Giotto im Dom von Assisi illustrieren Schlüsselszenen aus dem Leben des Heiligen, dessen Gesänge in Vergessenheit geraten sind. 150 Arten der von Franz als Brüder und Schwestern geliebten Tiere verschwinden täglich, acht Milliarden Menschen werden demnächst die Erde bewohnen, doch eine Milliarde von ihnen hungert.

Der Film wechselt in die Farbe, aus einem Kamin wabert weißer Rauch, ein älterer Herr mit einnehmendem Äußeren tritt auf einen Balkon und sagt in einem Ton, als würde er sein Lieblingsrestaurant betreten, „Buona sera!“. Ähnliches war bis 2013, als sich der 76-jährige Argentinier Jorge Mario Bergoglio als Papst vorstellte, nie zu hören gewesen. Es war der Jesuit Bergoglio der sich an diesem Abend in einen Franziskaner verwandelte. In der Ära der Borgias, die als Serienhelden im Fernsehen die feinen Quoten einfahren, wäre die Berufung auf Franz von Assisi noch als Häresie gedeutet worden, doch der Argentinier entschied sich erstmals für den Papstnamen Franziskus, übersiedelte von den päpstlichen Gemächern in eine bescheidene Dienstwohnung.

Greisen Kardinälen liest er anschließend die Leviten und zählt die großen Krankheiten der Kurie auf: Es ist eine lange Liste, ganz oben stehen Eitelkeit und Gier. Es sind spektakuläre Bilder der spirituellen Elite, die paralysiert unter den Anklagen ihres eben gewählten Oberhauptes in einem Meer der Schande versinkt. Das sind Bilder, die bisher nie den Vatikan verlassen hätten können, doch Wim Wenders war für seinen Dokumentarfilm „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ die letzte Instanz für den Endschnitt zugesichert worden. Mit anderen, ebenso spektakulären Bildern wird mit einer Filmprojektion auf das Portal des Petersdoms die Apokalypse erzählt. Es sind Bilder von Müllbergen und Müllmenschen, von Elend und Not, von Gier und Gewalt.

Um Zeichen zu setzen, besucht der Papst Flüchtlingslager in Lesbos und Lampedusa. Er umarmt die Ärmsten der Armen in den Favelas in Südamerika, prangert im US-Kongress den Waffenhandel an und wird mit Standing Ovations belohnt. Als sich der päpstliche Fiat 500 anschließend hinter die SUVs des Secret Service schiebt, fragt sich der TV-Kommentator, „ob hier Mr. Bean unterwegs“ ist.

In einem US-Gefängnis bereiten die Häftlinge dem Papst einen Empfang, als würden sie in ihm die Seele des Countrystars Johnny Cash wiedererkennen. Franziskus kennt dann auch keine Berührungsängste, umarmt tätowierte Körper, lässt sich als Beichtvater bittere Geheimnisse ins Ohr flüstern, Tränen rinnen über von Leben und Haft gezeichnete Gesichter, dass dem Wachpersonal bange wird. Aber, sagt der Papst, schon der erste Heilige war bekanntlich ein „zum Tode verurteilter Mörder“.

Jedes Bild in „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ ist auf Überwältigung angelegt. Wenn sich hartgesottene Männer nicht der Wirkung dieses charismatischen Menschen entziehen können, bleibt in diesen anrührenden Momenten empfindsamen Herzen im Kinoparkett nur der Griff zum Taschentuch.

Nicht ohne Humor beschreibt Franziskus in einem langen Interview, das die himmlischen Dienstreisen begleitet, sein Weltbild. Bei der improvisierten Pressekonferenz in einem Flugzeug verurteilt er den Missbrauch von Kindern, zeigt aber auch die Grenzen seines Denkens auf, wenn er Machismus und Feminismus als spaltende Keile der Gesellschaft in einen Topf wirft. (p. a.)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Kino
Kino

“Champagner und Macarons“: Skandale und andere Geschäftsmodelle

In „Champagner & Macarons“ wirft Agnès Jaoui einen satirischen Blick auf die französische Bourgeoisie.

Kino
Kino

“Der Bauer zu Nathal“: Auf Augenhöhe mit einem Mythos

„Kein Film über Thomas Bernhard" soll „Der Bauer zu Nathal" sein. Und tatsächlich beschäftigen sich die Regisseure David Baldinger und Matth...

TV
TV

Tiroler Josef Fankhauser gewinnt Kiddy Contest 2018

Mit dem Titel „Lederhosen-Rapper“ hat der elfjährige Schwendauer die Kinder-Gesangsshow am Samstag in Wien für sich entschieden.

TV
TV

Comeback bei Vox: Steffen Henssler zieht die Kochjacke wieder an

„Schlag den Henssler“ wurde gerade eingestellt. Für 2019 ist dafür eine Neuauflage der Koch-Show „Grill den Henssler“ geplant.

Film und TV
Film und TV

Stefan Raab feierte Comeback: Das Raabiversum schlägt zurück

Fast drei Jahre nach seinem Abschied vom Bildschirm ließ der deutsche Fernsehmoderator a. D. in Köln bei einer Bühnen-Show die Zeit vor seinem „Raabschied“ a ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »