Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.06.2018


Film und TV

Unordnung und frühes Leid im Zauberwald

Simon Curtis erzählt in „Goodbye Christopher Robin“ die tragische Entstehungsgeschichte des Kinderbuchklassikers „Pu der Bär“.

© abc



Innsbruck – Nach seiner deutschen Neuübersetzung der beiden Kinderbücher um Pu den Bären (im Original „Winnie-the-Pooh“) nahm Harry Rowohlt den Text auch zu seinen Lesetouren mit. Beim Vortrag des zehnten Kapitels, „in welchem Christopher Robin und Pu an einen verzauberten Ort kommen. Und dort verlassen wir sie.“ (so der barocke Titel des Kapitels), brach Rowohlt regelmäßig in Tränen aus, ohne den Grund seiner Rührung zu erläutern. Den verrät nun der Film „Goodbye Christopher Robin“.

Nach seiner Rückkehr von den Schlachtfeldern in Frankreich steht der gefeierte Autor und Satiriker Alan Alexander Milne (Domhnall Gleeson) sofort wieder im Mittelpunkt der Londoner Gesellschaft. Aber schon das Knallen eines Champagnerkorkens lässt ihn erstarren. Dem Kriegstrauma hakt sich als ständige Begleitung eine Schreibblockade ein. Keine leichte Komödie will mehr gelingen, die Bonmots rinnen nur noch wie Tränen von den Theaterplakaten. Seine Frau Daphne (Margot Robbie) kultiviert die Oberflächlichkeit der Figuren in den Romanen der viktorianischen Epoche. Als größte Enttäuschung erweist sich die (schmerzhafte) Geburt ihres Sohnes, der als Mädchen erwartet worden war. Diesen Makel muss der kleine Christopher Robin (Will Tilston) mit Mädchenkleidern wettmachen. Da in Daphnes Kreisen Eltern zu ihren Kindern Distanz halten, wird ein Kindermädchen gesucht. Olive (Kelly Macdonald) verfügt über Empfehlungsschreiben prominenter Familien und die Aussichten sind günstig, da sich der Krieg als Glücksfall erweist, „gibt es doch keine Männer mehr, die Sie heiraten könnten“. Drastischer lassen sich Dienst- und Klassenverhältnisse nicht definieren. Immerhin verwöhnt die Mutter das Kind bei den seltenen Besuchen mit Stoff- und Pelztieren, für die Christopher Robin in seiner Fantasie eine magische Welt im nahen Wald entwirft.

Der Eule baut er ein Baumhaus, den Esel nennt er I-Aah und stattet ihn mit dem Charakter eines Grantlers aus. Der Star ist natürlich Pu der Bär. Milne lässt Christopher Robin und seine Menagerie von einem Illustrator beim Spielen zeichnen, der Autor braucht nur noch die Erfindungen seines Sohnes aufzuschreiben.

1926 erschien das Buch „Winnie-the-Pooh“, das Christopher Robin zum „berühmtesten kleinen Jungen der Weltliteratur“ (Rowohlt) machte. Plötzlich hatte der Sechsjährige einen Terminkalender wie der Premierminister, musste Journalisten und Fotografen zur Verfügung stehen, denn Daphne wollte das Geld in Säcken in ihr Haus getragen wissen. Zwei Jahre später beendete der Vater das tragische Spiel und ließ Pu und Buben im Zauberwald verschwinden, „wo die beiden spielen werden“. Das war der Moment für Rowohlt, in Tränen auszubrechen.

Für Christopher Robin wurde der Rest seines Lebens zum Desaster. Als Schüler und Student wurde er zum Prügelopfer. Das alles erzählt Simon Curtis auf sehr anrührende Weise, bedauerlicherweise fehlen jedoch die Tierfiguren. Die gehören seit den 60er-Jahren dem Disney-Konzern, der Mitte August eine eigene Version des Dramas um Glück und Leid einer Kindheit mit Ewan McGregor als erwachsenen Christopher Robin in die Kinos bringt. (p. a.)


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