Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.06.2018


“Die Bauliche Maßnahme“

Ausreden lassen auf Augenhöhe

Der Brenner als absurder Nabel der europäischen Migrations-Welt in Nikolaus Geyrhalters neuer Doku “Die Bauliche Maßnahme“.

© Geyrhalter FilmDer Brenner als absurder Nabel der europäischen Migrations-Welt in Nikolaus Geyrhalters neuer Doku "Die Bauliche Maßnahme".



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Mitten am Mittelmeer oder am vielbeschworenen Balkan zwischen Griechenland und Nord-Mazedonien und Albanien – politisch-neuralgische Punkte gibt es auf der europäischen Migrationslandkarte viele. Auch der Brennerpass auf der Transitroute zwischen Sizilien und München ist einer davon. Der vielfach ausgezeichnete österreichische Dokumentarist Nikolaus Geyrhalter hat nun einen Film über die neue alte Brennergrenze vorgelegt.

Darin steigt er herunter von der Ebene des symbolischen und wortreichen Politik-Diskurses und beobachtet vor Ort, wie die Menschen im Kleinen auf das große Getöse reagieren. Am Anfang steht 2016 die wahlkampfbedingte Ankündigung eines Zaunes, vermittelt über den Fernseher einer Bar am Brenner. Politiker, von Günther Platter aufwärts, kündigen vollmundig an, Polizeipräsidenten übersetzen in einer Pressekonferenz vor Ort, und am Ende bleibt es einem lokalen Polizeibeamten, die genaue Länge, Breite und Höhe der geplanten „baulichen Maßnahme“ zu präzisieren.

Der entlarvende Titel geht auf das Unwort des Jahres 2015 zurück. So verwandeln sich die paar Meter Maschendrahtzaun in eine symbolisch hochwirksame Mauer. Die soll Europa ausgerechnet am Transitpunkt zwischen Nordtirol und Südtirol wieder teilen und die Nicht-Europäer aufhalten.

Geyrhalter richtet seinen Blick weniger auf die aufgeladene Geschichte des Brenners, sondern darauf, wie die Leute vor Ort angesichts populistischer Zaun-Pläne mit der ehemaligen Grenze und ihrem Heimatbegriff im Herzen Europas umgehen. Er und seine Rechercheurin Eva Hausberger hören gut zu und fördern eine klischeefreie, alles andere als elitäre Kritik an rechten Grenz-Fantasien zu Tage: Da hält der Wipptaler Bauer im Stall ein leidenschaftliches Plädoyer für ein weltoffenes Europa. Da erzählen Vater und Sohn in ihrer Firmenwerkstatt, wie alle profitieren, wenn der Wohlstand aufgeteilt wird. Da spricht Geyrhalter mit den senegalesisch-italienischen Bohr-Arbeitern auf einer Baustelle des Brennerbasistunnels ebenso auf Augenhöhe wie mit der jungen Kassiererin in der Mautstation.

Das minutenlange Gespräch im Mauthäuschen gehört zu den vielen absurden Bildern im Film, teilt die junge Wipptalerin doch freimütig ihre Meinung über ‚die Flüchtlinge‘ und Migration mit, während sie alle 30 Sekunden ein Mautticket für 9 Euro verkauft. Gerade in dem für Geyrhalter typischen längeren Aushalten vieler Kameraeinstellungen offenbart sich hier immer wieder eine Wahrheit, die bei schnellen Nachrichtenbildern unter den Schneidetisch fällt. Die knappen offenen Fragen und das Ausredenlassen der Protagonisten wird dabei zum Gegenteil des populistisch so genannten ‚Ernstnehmen der Sorgen‘. Wenn zwei Jäger über ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen an der grünen Brenner-Grenzlinie im Winter sprechen, benennen sie die menschlichen Begegnungen, die im abstrakten politischen Diskurs so gerne negiert werden. Mittendrin die lokalen Polizisten, die im Schlussbild des Films etwas hilflos einen eingelagerten Grenzzaun kontrollieren, der bis heute nie gebraucht wurde.

„Die Bauliche Maßnahme“ erzählt so vom schiefen Verhältnis populistischer Politik zu den Menschen vor Ort und deren tatsächlichem europäischen Heimatbegriff. Dafür gewann Geyrhalter bei der diesjährigen Diagonale auch den Preis für den besten Dokumentarfilm.


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