Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 20.06.2018


Film und TV

Die heiße Hölle im ewigen Eis

Die Arte-Doku „Eiskalte Liebe“ zeichnet die Beziehung des Bergfilmers Arnold Fanck und Leni Riefenstahl nach.

Leni Riefenstahl in "Die weiße Hölle von Pitz Palü".

© ImagoLeni Riefenstahl in "Die weiße Hölle von Pitz Palü".



Innsbruck – Eigentlich wollte Leni Riefenstahl als Tänzerin Karriere machen. Doch es kam anders. Und das lag an Arnold Fanck. Fanck zählte zu den erfolgreichsten Filmemachern der Weimarer Republik. Sein „Der Berg des Schicksals“ (1924) war ein Publikumsrenner. Riefenstahl sah ihn, kurz nachdem sie eine schwere Knieverletzung dazu zwang, der Bühne den Rücken zu kehren. Sie war begeistert: Fortan wollte sie Schauspielerin werden. Und Fanck, Pionier des alpinen Freiluftfilms, sollte sie groß herausbringen. So wie er es mit dem kernigen Kraxler Luis Trenker getan hatte. Der Regisseur und sein Star im Werden kamen sich näher. Die Hauptrolle in „Der heilige Berg“ schrieb Fanck „seiner“ Leni auf den Leib: Eine Tänzerin verdreht Bergfexen den Kopf. Es folgen Kassenschlager wie „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ (1929) oder „Stürme über dem Mont Blanc“ (1930). 1932 kommt Riefenstahls erster selbst inszenierter Spielfilm, „Das blaue Licht“, in die Kinos. Nun sollte sie „SOS Eisberg“ zum Weltstar machen. Schließlich war Arnold Fancks nächster Film die teuerste Produktion der Welt. Und die erste deutsch-amerikanische Ko-Produktion. Carl Laemmle, ein in den USA reich gewordener deutscher Auswanderer, finanzierte den Film. Sein Studio Universal strebte nach globaler Vermarktbarkeit – und bot Fanck für dessen Epos im ewigen Eis unbegrenzte Möglichkeiten. Fünf Monate verbrachten er und seine Crew, zu der auch der Tiroler Kameramann Walter Riml gehörte, in Grönland. Unter abenteuerlichen Bedingungen entstanden spektakuläre Aufnahmen. Die Beziehung zu seiner Hauptdarstellerin hingegen kühlt ab: Fanck schreibt ihr schmachtende Briefe, Riefenstahl vergnügt sich anderweitig – und plant die nächsten Karriereschritte. Nicht nur Charlie Chaplin war von ihrer ersten Regiearbeit angetan. Auch die aufstrebenden Nationalsozialisten orteten Potenzial. Kurz vor ihrer Abreise nach Grönland hat Riefenstahl Adolf Hitler erstmals getroffen. Seither schwärmte sie für ihn.

Vordergründig erzählt die Dokumentaristin Annette Baumeister in ihrem Film „Eiskalte Liebe“, der heute Abend um 22.30 Uhr auf dem Kulturkanal Arte zu sehen ist, das Making-of von „SOS Eisberg“ als Beziehungsgeschichte zwischen Begehren und Berechnung – und als Tragödie zweiter Ordnung. Fancks kinematografischer Kraftakt fällt bei Publikum und Propagandaminister durch. Seine Karriere stagniert. Riefenstahl wird zur Ikonografin des Führerstaates. In toxischen Meisterwerken wie „Triumph des Willens“ und ihren „Olympia“-Filmen wird sie Fancks Filmgrammatik des heroischen Körpers perfide perfektionieren. Unter der Oberfläche brodelt allerdings noch eine zweite, elementarere Geschichte: jene erzählt von der verführerischen Kraft des Kinos – und von begnadeten Verführerinnen und Verführen, die ihr verfallen. (jole)