Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.06.2018


Film und TV

„Die kanadische Reise“: Kleine Lügen, große Geheimnisse

Philippe Lioret versucht sich mit seinem Film „Die kanadische Reise“ erstmals in der Tragikomödie.

© Auf der Suche nach einer Vaterfigur: Pierre Deladonchamps als Mathieu, Gabriel Arcand als Pierre.Foto: Polyfilm



Von Peter Angerer

Innsbruck – Nach der Serie oft unsäglicher Komödien, die als Exportschlager seit einigen Jahren das französische Kino repräsentieren, lässt Philippe Lioret in seiner Romanadaption „Die kanadische Reise“ lange offen, in welche Richtung er sich mit seinem Film bewegen möchte. Zwischen Thriller und leiser Tragikomödie ist alles möglich.

Philippe Lioret ist einer der wenigen Regisseure, denen der Wechsel vom Tonmeister auf den Chefsessel hinter der Kamera gelungen ist. Nach einigen Arbeiten mit Robert Altman, dessen Umgang mit dem Ton auch eine Leichtigkeit beim episodischen Erzählen ermöglicht hat, lassen auch Liorets Filme („Die Frau des Leuchtturmwärters“, „Welcome“) beim Schauen ein Umherschweifen der Gedanken zu, ohne den roten Faden zu verlieren.

Mathieu (Pierre Deladonchamps) arbeitet in der Marketingabteilung eines Tierfutterkonzerns. Bei den Sitzungen wegen sinkender Absatzzahlen ist ihm der Mangel an Motivation anzusehen. Andererseits genügt ein Blick in den Konferenzraum, in dem niemand für Tierfutter brennt. Einen Rest emotionalen Engagements hat Mathieu für seinen kleinen Sohn reserviert, den er an den Wochenenden sehen darf. Aus diesem Alltagstrott reißt ihn der Anruf eines Fremden, der ihn über den plötzlichen Tod seines Vaters informiert, von dessen Existenz Mathieu keine Ahnung hatte. Bisher musste er sich, von der vor zehn Jahren verstorbenen Mutter mit der kargen Information versorgt, das Ergebnis eines anonymen One-Night-Stands zu sein, eine eigene Geschichte über Herkunft und Identität ausdenken. Und plötzlich gibt es in Kanada einen biologischen, wenn auch toten, Vater und zwei Brüder.

Vielleicht war es diese Abwesenheit einer Familie, die ihn so neben sich stehen hat lassen. Gegen alle Warnungen des Anrufers macht sich Mathieu auf den Weg von Paris nach Montreal.

Mit Pierre (Gabriel Arcand) wartet am Flughafen jener Fremde, dessen Telefonstimme er bereits kennt und der ihn nun um Diskretion bittet, da weder die Witwe noch deren Söhne etwas von diesem Seitensprung während eines Ärztekongresses ahnten. Tatsächlich trifft Mathieu mit seinen vorgeblichen Brüdern Ben (Pierre-Yves Cardinal) und Sam (Patrick Hivon) auf zwei besonders unangenehme, aber, was man so hört, im Vergleich zu ihrem Vater Jean noch harmlose Menschen. Das sind natürlich jene Enthüllungen, die Pierre als Jeans einziger Freund verhindern wollte. Aber da gibt es zwischen den Lügen und Geheimnissen noch einige Überraschungen, die an eine jenseits genetischer Gesetzmäßigkeiten glücklichere Zukunft denken lassen.