Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 22.06.2018


Kino

Ocean's 8: Frauen ohne Ganovenehre

Nach den Casinoräubern in Steven Soderberghs Las-Vegas-Trilogie beginnt Gary Ross mit „Ocean’s 8“ und einem bemerkenswerten Frauenensemble neu zu zählen.

© WarnerSandra Bullock (links) führt als Debbie Ocean das weibliche Starensemble in einen Raubzug auf den Laufsteg der Eitelkeiten.



Innsbruck – Gefängnisjahre müssen keine verlorenen Jahre sein. Debbie Ocean (Sandra Bullock) nutzt die Zeit für die Planung eines Jahrhundertcoups und für ihre Rede vor der Bewährungskommission. Nebenbei organisiert sie den Zigarettenschmuggel, den sie nach ihrer Entlassung mit einer Warnung dem Wachpersonal übergibt: „Verkaufen, nicht rauchen!“ Debbie kann also kein schlechter Mensch sein.

Ihr erster Weg in Freiheit führt sie zum Friedhof, wo Bruder Danny (1963–2018) seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Hinter dem weißen Marmor lauert schon wieder die Verführung zum Verbrechen in der Person von Danny Oceans Mentor Reuben (Elliot Gould), der trotz mancher Bedenken dem Projekt seinen Segen erteilt.

Das ist kein leeres Geplänkel, denn in Traumfabrik und Unterwelt geht es gleichermaßen um Kontinuität und Eigentumsverhältnisse. Beides garantiert der Hollywood-Heimkehrer Steven Soderbergh, der zwischen 2001 und 2007 die kriminelle Nummernrevue um die von George Clooney angeführten Casino-Räuber inszeniert hat und als Produzent hinter „Ocean’s 8“ steht. Damit es für die Fans der Serie keinen Zweifel an der Legitimation der dynastischen Erbfolge gibt, kann Deb­bie Ocean auch auf ihren Vater verweisen, der mit seinen „Spießgesellen“ bereits 1960 die Casinos von Las Vegas geplündert hat.

Nach vorgelegtem Muster rekrutiert Debbie ihre Komplizinnen. Ihre alte Freundin Lou (Cate Blanchett) lebt inzwischen von kriminellem Kleinkram, Constance (Awkwa­fina) beeindruckt Touristen mit Taschenspielertricks, Nine Ball (Rihanna) ist mit Computern vertraut, Tammy (Sarah Paulson) wohnt scheinbar neben den „Desperate Housewives“ und lagert in ihrer Garage Hehlerware. Amita (Mindy Kaling) kennt sich mit Diamanten aus, Rose Weil (Helena Bonham Carter) war einmal eine prominente Modeschöpferin, die wegen ihrer Steuerschulden den Reisepass abgeben musste.

Nachgezählt ergibt das aber erst eine Bande glorreicher sieben, zu Recht wundern sich die Frauen über die Abwesenheit von Männern, die auch über kriminelles Potenzial verfügen. Das liege am geplanten Tatort, sagt Debbie, mehr Pragmatikerin denn Feministin, wo „Männer auffallen würden“. Wenn auf den Stufen des Metropolitan Museums für Anna Wintours jährliche Vogue-Gala der rote Teppich als Laufsteg der Eitelkeiten ausgelegt wird, soll die Schauspielerin Daphne Kluger (Anne Hathaway) ein Cartier-Collier tragen, das sich für 150 Millionen Dollar verkaufen lässt.

Gary Ross gelang 1998 mit seinem Regiedebüt ein kleiner Geniestreich über die Eisenhower-Ära. In „Pleasantville“ zeigte er, wie Farbe ins Fernsehen kam und Frauen erstmals ihrer Rolle in der Küche entkamen. Ross konnte sich auch im Mainstreamkino mit „The Hunger Games“ durchsetzen, doch mit „Ocean’s 8“ unterwirft er sich einem engen Korsett aus Marken- und Modewelt, die sich nicht ohne rechtliche Absicherungen durch den Kinokakao ziehen lassen. Jede Darstellerin darf ihre Paradenummer vorführen, die meistens darauf hi­nausläuft, das komplexe Zentralnervensystem im Moment der höchsten Anspannung zu demonstrieren. Diesen Moment erleben manche Schauspielerinnen bei der Übergabe eines Oscars. In „Ocean’s 8“ liefern sie selbstironische Persiflagen der emotionalen Dankesreden.

„Wofür machen wir das?“, sagt Sandra Bullock/Debbie in ihrer improvisierten Rede. Es geht nicht um Geld oder Ruhm, sie wendet sich an „die orientierungslose Achtjährige auf der Straße“, die irgendwann auch ihre große Nummer durchziehen kann. Damit definiert der Film auch das anvisierte Zielpublikum und die angestrebte Glaubwürdigkeit. Am Ende rollt eine Billardkugel mit der Nummer Neun über einen Spieltisch. Das ist schon der Trailer zur Fortsetzung. (p. a.)




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