Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 22.06.2018


Kino

Die peinlichsten Momente im Leben

Dominic Cooke verfilmte Ian McEwans Roman „Am Strand“ als stilles Kammerspiel über eine düstere Ära, in der Sex ein Tabu war.

© ThimfilmZwei Liebende, die an ihrer Unerfahrenheit und Sprachlosigkeit scheitern: Saoirse Ronan und Billy Howle als Ehepaar „am Strand“.



Innsbruck – Tony Richardsons „Bitterer Honig“ war 1962 in den Londoner Kinos der Film der Stunde. Rita Tu­shingham war bei den Filmfestspielen von Cannes für ihre Rolle einer jungen Arbeiterin als beste Schauspielerin ausgezeichnet worden. Dieses Meisterwerk des britischen New-Wave-Kinos wollen sich auch Florence Ponting (Saoirse Ronan) und Edward Mayhew (Billy Howle) nicht entgehen lassen. Florence lässt es sich gefallen, wie Edward eine Hand auf ihr Knie legt, ihr Gesicht will sie ihrem Begleiter aber nicht zuwenden, um ihm den Weg zumindest für einen schüchternen Kuss zu erleichtern. Rundherum kreisen Dutzende Zungen in fremden Mündern, als wollten sie Edward in seiner Begierde verhöhnen.

Das Kino als Schauplatz erster erotischer Annäherungen hat in Dominic Cookes Kinodebüt „Am Strand“ aber nicht die Funktion, eine Sehnsucht nach den 50er- oder 60er-Jahren zu beschwören, denn die schützende Dunkelheit steht auch für eine düstere Ära, für penibel kultivierte Klassenunterschiede und für eine Sprachlosigkeit, in der die Menschen wie in einem Verlies gefangen sind. Da wesentliche Dinge der Existenz wie die Sexualität nicht benannt werden können, sogar einschlägige Ratgeber nur abstoßende Worthülsen anbieten, führen die Lebensläufe von Florence und Edward in eine Sackgasse aus Verzweiflung, Wut und Ekel.

Der Romanautor Ian Mc­Ewan, der gestern seinen 70. Geburtstag feierte, hat diese finstere Ära als Pubertierender erlebt und als Sechzigjähriger in seiner Novelle „Am Strand“ beschrieben und seinem Arbeitsrhythmus entsprechend sofort eine Filmadaption mitgeliefert. Dominic Cooke machte sich bisher als Theaterregisseur einen Namen. McEwans Vorlage inszeniert er in seinem Kinodebüt als subtiles Kammerspiel. Der Rahmen ist eine sechs Stunden dauernde Ehe. Beim unglücklichen Versuch, diese Ehe „zu vollziehen“, schwappen die Wellen der Erinnerung in das eher schäbige Hotelzimmer, in dem das Brautpaar ängstlich der Hochzeitsnacht entgegensieht.

Mit etwas Humor könnten sich Florence, die angehende Geigenvirtuosin aus Oxford, und Edward, der mittellose Student aus London, die Zeit bis zum Einbruch der Nacht mit der Aufzählung der peinlichsten Momente vertreiben, die ihre Beziehung bisher bestimmt haben. Die beiden trennt neben dem Musikgeschmack auch die politische Haltung. Während sich Florence gegen die atomare Aufrüstung engagiert, interessiert sich Edward für nichts. Dafür erlebt Florence im bescheidenen Haushalt von Edwards chaotischer Familie eine Wärme, die ihr in Oxford vorenthalten wurde. Für Edward spricht zudem sein Verzicht auf besitzergreifendes Verhalten, doch jetzt und in diesem Zimmer führt dieser Mangel an Erfahrung direkt in die Katastrophe. Es ist erstaunlich, wie Saoirse Ronan und Billy Howle fast ohne Requisiten die Ahnungs- und Hilflosigkeit ihrer Figuren bewältigen, die mit diesem kläglichen Scheitern nicht umgehen können. (p. a.)




Kommentieren


Schlagworte


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Deutschland
Deutschland

Als die Bilder laufen lernten: 122 Jahre alte Filmaufnahmen aus Köln

Ein bedeutsames Stück Filmgeschichte aus der deutschen Domstadt: 1896 wurde die Szene aufgenommen, die unter anderem die damalige Pontonbrücke über den Rhein ...

Osttirol
Osttirol

Innsbrucker Pogromnacht im CineX

Auf Anregung von Bischof Hermann Glettler zeigen die Macher den Kinofilm „Zersplitterte Nacht“.

Film und TV
Film und TV

Ein depressiver Hund unter traurigen Menschen

„Was uns nicht umbringt“ ist die tragikomische Fortsetzung von Sandra Nettelbecks „Bella Martha“ – 17 Jahre später.

Streaming
Streaming

Netflix will mit günstigerer Version experimentieren

Es gehe nicht darum, den Preis für das aktuell günstigste Paket zu senken, sondern um eine kostengünstigere Version mit einem reduzierten Angebot, hieß es ei ...

Streaming
Streaming

Amazon beendet Schweighöfer-Serie „You are wanted“

„You are wanted“ startete mit der ersten Staffel im Frühjahr 2017, in diesem Jahr legte Amazon die zweite Staffel nach. Schweighöfer wolle sich nun Kinoproje ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »