Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 23.06.2018


Film und TV

“Der Dolmetscher“: Die Vergangenheit übersetzen

In „Der Dolmetscher“ arbeiten Peter Simonischek und Jirˇí Menzel ein dunkles Kapitel europäischer Geschichte auf.

© FilmladenSpurensuche in Wien und in der Slowakei: Peter Simonischek (rechts) und sein Dolmetscher Jirí Menzel.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Sie denken, der Sohn eines Mörders ist besser dran als der Sohn eines Opfers?“ Dieser Satz ist gewissermaßen die Leitfrage von „Der Dolmetscher“. Da sind die zwei ungleichen Protagonisten schon eine Weile zusammen unterwegs. Georg Graubner, der Sohn eines SS-Sturmbannführers, und Ali Ungár, dessen Eltern Graubner senior einst exekutierte. Eines Tages steht Ali, mittlerweile 80 Jahre alt, unangekündigt vor der Wohnungstür des Nazischergen – mit der Pistole in der Tasche. Sein Vater sei tot, erklärt Georg. Tags darauf brechen beide zur Recherchereise in die Slowakei auf. Ali soll für den zynischen Lebemann Georg übersetzen. Bald verbindet die zwei eine eigenwillige Mischung aus moralischer Animosität und Seelenverwandtschaft der Nachgeborenen.

Der slowakische Regisseur Martin Šulík hat mit „The Interpreter“ eine europäische Geschichte mit aktueller Brisanz auf die Leinwand gebracht. Es geht weniger um die Vergangenheit als vielmehr um den heutigen Umgang mit der Geschichte. Dieser thematische Konflikt ist überzeugend in den beiden Protagonisten aufgelöst, fast ohne den sonst allzu oft anzutreffenden Seminar-Charakter. Nicht ganz unschuldig daran sind die beiden großartigen und großartig ausgewählten Darsteller: Peter Simonischek glänzt als Frohnatur mit tragischer Note. Und der untergründige Stoiker Ali wird von der tschechischen Kinolegende Jirˇí Menzel gespielt. Menzels Regiedebüt, „Scharf beobachtete Züge“, gewann 1968 den Auslandsoscar. Dass der begnadete Gelegenheitsschauspieler auch auf Deutsch ein Meister tragikomischer Präzision ist, bewies er vergangenes Jahr als Ehrengast des Internationalen Filmfestivals Innsbruck – und auch in „The Interpreter“ sitzen seine Übersetzer-Sätze. Die Geschichte ist als kurzweiliges Roadmovie erzählt samt jungen Tramperinnen, einem Saunabesuch und einer überraschenden Schlusspointe. Am Ende geht es darum, die richtigen Töne zu treffen, im Film ebenso wie außerhalb in der verschleppten Aufarbeitung der Geschichte. Regisseur Martin Šulík fragt mit Blick auf die Slowakei: „Waren wir nur Opfer der faschistischen Aggression während des Krieges, oder haben auch wir gemordet? Wie nehmen wir das heute noch wahr? Haben wir überhaupt noch Interesse daran? Warum akzeptieren wir neofaschistische Tendenzen in unserer Gesellschaft? Haben wir unsere Erinnerung vergessen?“

„Der Dolmetscher“ versucht eine Antwort. Der Film hatte seine Premiere bei der diesjährigen Berlinale, wo Jirˇí Menzel 1990 für „Lerchen am Faden“ den Goldenen Bären gewann, und ist derzeit im Kino zu sehen.