Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 27.06.2018


Film und TV

“Euphoria“: Gefangene Schwestern im Sanatorium des Todes

Lisa Langseth konnte für ihr Sterbehilfedrama „Euphoria“ die beiden Weltstars Eva Green und Alicia Vikander gewinnen.

© FilmladenFünf Tage bis zum Läuten der Glocke: Alicia Vikander als Ines und Eva Green als todkranke Emilie in „Euphoria“.



Innsbruck – Wie kein anderer Schauspieler war Marlon Brando davon besessen, in Großaufnahme den langen Moment des Todes in allen Varianten vorzuführen. Das war in „Meuterei auf der Bounty“ unfreiwillig oder gewollt komisch in „Missouri Breaks“. Wie Brando in „Apocalypse Now“ als Colonel Kurtz mit dem letzten Atem „Horror! Horror!“ gurgelte, bleibt wohl einer der unvergesslichen Momente der Kinogeschichte.

Die unendlich lange Sterbeszene in „Euphoria“ dürfte für Eva Green ausschlaggebend gewesen sein, die Rolle der Emilie in Lisa Langseths erstem internationalen Film angenommen zu haben. Die 2003 von Bernardo Bertolucci für „The Dreamers“ entdeckte französisch-schwedische Schauspielerin durfte zwar als Bond-Girl in „Casino Royale“ (2006) eine spektakuläre Sterbeszene vorführen, doch in „Euphoria“ zeigt sie mit ihrer Mimik das Ablaufen des legendären letzten Films, der Sterbenden angeblich geboten wird.

Emilie hat ihr Haus verkauft, um ihre berühmte Schwester Ines (Alicia Vikander, die Oscar-Preisträgerin ist auch Produzentin des Films) einladen zu können. Dafür muss sich die mittlerweile in New York lebende Künstlerin Vorwürfe gefallen lassen. Es war Emilie, die sich um die depressive Mutter gekümmert hat. Nach deren Selbstmord ist Ines nicht einmal zur Beerdigung erschienen. Weil Ines dieser Verzweiflung nicht viel entgegensetzen kann, lässt sie sich überreden, mit der verhärmten Schwester ein paar ruhige Tage zu verbringen.

Die Begrüßung durch die vermeintliche Hotelmanagerin („Die anderen kommen mit dem Hubschrauber!“) beschreibt das exklusive Publikum in der im Wald versteckten Anlage. Marina (Charlotte Rampling) erklärt noch den Ablauf des Aufenthaltes und die Hausregeln, die Ines nach einem Hubschrauber rufen lassen. Das Romantikhotel ist ein Sanatorium des Todes. In fünf Tagen wird eine Glocke Emilies Tod einläuten.

Eva Green führt einen von Operationen verunstalteten Körper vor, in dem nach der Entfernung einer Brust die Metastasen wuchern. Emilie möchte dem quälenden Finale zuvorkommen. Nur Ines weigert sich, als Überlebende und Komplizin diesen Notausgang aus einem von Schmerzen bestimmten Leben zu bewachen.

Es ist eine seltsame Gespensterwelt, die Lisa Langseth mit ihren beiden Weltstars in „Euphoria“ zwischen diversen Genres, zwischen Horror- und Ingmar-Bergman-Parodie mäandernd inszeniert. Als Emilie ihren Giftcocktail trinkt und hochkonzentriert ihre Augen beim Betrachten des letzten Films verdreht, ist das vielleicht große Schauspielkunst, aber doch eher unangenehm anzusehen. (p. a.)


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