Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 01.07.2018


Film und TV

Das weite Land und seine Könige

Der Essayfilm „The King (Promised Land)“ nützt Elvis Presley als Schlüssel zu amerikanischen Albträumen.

© Der Rolls-Royce mit dem sich Regisseur Eugene Jarecki auf die Suche nach dem wahren Amerika macht, gehörte einst Elvis Presley.



Innsbruck – Ein 1963er Rolls-Royce ist der Hauptdarsteller dieses eigenwilligen Essayfilms. Einst gehörte es Elvis Presley, seines Zeichens der „King“. Regisseur Eugene Jarecki sitzt am Steuer und fährt die Stationen seines Lebens ab, quer durch die 50er- und 60er-Jahre der USA, von Tupelo, Mississippi, nach Memphis, Tennessee. Dazwischen liegen aber nicht nur die biografischen Orte des Sängers in New York, Hessen und Las Vegas, sondern auch die Kreuzungen mit der politischen Geschichte der USA. Elvis ist die Verkörperung des amerikanischen Traums vom Aufstieg als Unterschichtenkind zum Superstar des Rock ’n’ Roll, aber auch des Albtraums der weißen Dominanz und Rassendiskriminierung und der imperialistischen Weltmacht. Man bekommt ein Gefühl für die kulturellen Umwälzungen im Nachkriegsamerika, die bis heute nachwirken: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie heftig er die amerikanische Kultur erschütterte!“ Elvis und sein Rock ’n’ Roll sind ein Paradebeispiel kultureller Aneignung schwarzer Musik – der Niedergang des King verläuft parallel zum Vietnamkrieg. Die Idee dieser doppelten Reise durch die USA geht auf: Popkultur als Spiegel der Gesellschaft, ihrer Phantasmen und Mythen – und ihrer blinden Flecken. Ohne Atempausen macht Jarecki „The King (Promised Land)“ zum ungemein dichten Panorama eines gefallenen Traumlandes, das der alten Faszination am weiten Land unbegrenzter Möglichkeiten ebenso Ausdruck verleiht wie dem Wehklagen gebrochener Versprechen.

Das Auto wird zum Werkzeug, zur Brücke zum Amerika von heute – und zur Bühne für Musiker und Interviewpartner wie Ethan Hawke oder Alec Baldwin. Letzterer ist mittlerweile Präsidentendarsteller und wagte im Wahljahr 2016 eine Prophezeiung: Donald Trump wird nie Präsident werden.

In Memphis klaute einst der Rock-’n’-Roll-King Chuck Berrys „Promised Land“. Einige Jahre später und aber nur einige Straßenblöcke entfernt beschwor ein anderer King, Martin Luther King, die USA als gelobtes Land. Dazwischen liegt Amerika. (maw)