Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.07.2018


Film und TV

Der Lügner, der die Wahrheit liebte

Der 2007 verstorbene Schwede Ingmar Bergman zählt zu den Übervätern des Weltkinos. Am Samstag jährt sich seine Geburt zum 100. Mal.

© ImagoIngmar Bergman und die Schauspielerin Liv Ullmann waren zwischen 1965 und 1969 ein Paar.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Als Sechsjähriger, heißt es, habe Ingmar Bergman seinem großen Bruder Dag einen Filmprojektor abgeluchst. Im Tausch gegen hundert Zinnsoldaten. Und daraufhin die wenigen greifbaren Filmchen immer und immer wieder angesehen. Schon Bergmans Vater war ein Freund bewegter Bilder: Im Religionsunterricht, den er als Pastor halten musste, warf er biblische Szenen an die Schulwand.

In den eigenen vier Wänden freilich waren Erik Bergmans Erziehungsmethoden weniger fortschrittlich: Er schwang den Rohrstock. Ingmar, das Mittlere von drei Kindern, wurde seltener geschlagen als seine Geschwister. „Ich kam noch am besten davon, weil ich mich zum Lügner ausbildete“, schreibt er in seiner wunderbaren Autobiografie „Laterna Magica“. Bisweilen hätten sich die Maske und das Ich nicht mehr trennen lassen. Ein Makel, der Bergman zeit seines Lebens peinigte. Trost – auch das notiert er als Autobiograf – fand er in der Erkenntnis, dass der, der eine Lüge lebte, die Wahrheit umso mehr liebte.

Irgendwann kam es doch zum Bruch mit dem strengen Vater. Ein Wortwechsel wuchs sich zur Schlägerei aus. Noch in derselben Nacht ließ Bergman ihm einen Brief zukommen: auf Nimmerwiedersehen. Da war Ingmar Bergman 31 – und ein aufstrebender Regisseur. 1946 hatte er seinen ersten Film, „Krise“, gedreht. Davor inszenierte er bereits für Schwedens führende Bühnen.

Nach einer Reihe – mit Blick auf sein Gesamtwerk beinahe heiterer – Sommerfilme, etwa „Lektionen in Liebe“ (1954) und „Das Lächeln einer Sommernacht“ (1955), galt Ingmar Bergman als wichtigster Filmkünstler seines Heimatlandes. „Das Lächeln einer Sommernacht“ gewann zudem im Frühling 1956 bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme. Der Triumph bestätigte Bergman und seine Finanziers: Mit „Das siebente Siegel“ (1957) wagte er sich erstmals an die ganz großen Themen. Nichts weniger als die Frage nach dem Sinn allen Daseins wird beim Schachspiel eines sterbenden Kreuzzüglers mit dem Tod erörtert. Ein Jahr später folgte „Wilde Erdbeeren“, die Geschichte einer inneren und äußeren Irrfahrt – und dafür der Goldene Bär der Berlinale. Für das grausame mittelalterliche Rachedrama „Die Jungfrauenquelle“ (1960) schließlich erhielt er seinen ersten Oscar. Da war – im Zuge der von François Truffaut proklamierten Theorie der Kinoautoren – die erste Welle der „Bergmania“ über den Atlantik geschwappt. Während Hollywood in den 1950er-Jahren noch um vaterländische Pflichterfüllung bemüht war – und gesellschaftliche Bruchlinien mit großen Gesten und romantisierten Scores übertünchte –, legte der Schwede in gestochen scharfem Schwarz-Weiß den Finger in die Wunden, verhandelte Sinn- und Wertekrisen, stellte Zerrissenheiten aus und Gewissheiten in Frage. Schon lange bevor Bergman 1997 in Cannes als „Bester Regisseur aller Zeiten“ – gewisse Preise können nur in Cannes vergeben werden – gekürt wurde, war er einer der Überväter des Weltkinos.

Als solchen nähert sich ihm auch die deutsche Regisseurin Margarethe von Trotta in ihrem aktuellen Dokumentarfilm „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“. Bergman, vor allem „Das siebente Siegel“, habe sie geprägt, erfährt man. Den Fokus ihres Films legt sie allerdings auf die Person hinter den Filmen – und kommt dabei bisweilen nicht über feingeistigen Klatsch hinaus. Erforscht werden soll der Charakter des Großfilmers, nicht die Charakteristiken seines Werks. Auskunft geben dabei auch einige von Bergmans insgesamt neun Kindern (mit fünf Frauen). Eines davon, Linn Ullmann, die Tochter des Regisseurs und der großen Schauspielerin Liv Ullmann, hat mit „Die Unruhigen“ dieser Tage auch einen Roman über ihren Vater geschrieben. Darin kommt der Jahrhundertregisseur besser weg. Ullmann und Bergman verliebten sich beim Dreh von „Persona“ (1966). Ein Jahr später kam Linn zur Welt. Drei Jahre später trennten sich die Eltern – um Freunde zu bleiben. Linn bleibt bei ihrer Mutter. Nur die Sommermonate verbringt sie bei ihrem Vater. Doch auch dann ist Bergmans Tagwerk streng getaktet: Seine Kunst verlangt nach Zeit. Erst mit den Jahren wird die Beziehung zwischen Vater und Tochter inniger, vertrauter. Ullmann erzählt – ohne die prominenten Namen ihrer Eltern zu nennen – unsentimental von einer zögernden Annäherung, vom Älter- und vom Altwerden – und letztlich vom Tod ihres Vaters im August 2007.

Am kommenden Samstag jährt sich Ingmar Bergmans Geburt zum 100. Mal. Aus diesem Anlass hat das Innsbrucker Leokino „Auf der Suche nach Ingmar Bergmann“ am Freitag (15.55 Uhr) und am Samstag (20.25 Uhr) ins Programm genommen.

Roman Linn Ullmann: Die Unruhigen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Literaturverlag, 412 Seiten, 22,70 Euro.




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