Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.07.2018


Leokino

„Clash“: Das Ende des Arabischen Frühlings

Mohamed Diab erzählt in „Clash“ von einem langen Tag des Terrors auf den Straßen Kairos.

© Mohamed Diab versammelt in „Clash“ einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft in einem Gefangenenwagen. Der ägyptisch-amerikanische Journalist Adam (Hani Adel, links) wird zum Zeugen der Gewalt.Foto: Filmladen



Innsbruck — Mit Inserts erklärt Mohamed Diab am Anfang seines zweiten Kinofilms „Clash" die Ausgangssituation. 2011 ermutigte der in Tunesien losgetretene Arabische Frühling die Menschen in Ägypten zum Aufstand gegen Mubaraks Regime. Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft wurde zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten. Im Sommer 2013 wurde Mursi vom Militärrat verhaftet. Mursis Anhänger demonstrieren auf den Straßen, „von einem dieser Tage" erzählt der Film.

Die Begrenzung durch schwarze Balken links und rechts des Bildes erklärt sich aus dem Standpunkt der Handkamera, die das Geschehen aus einem Gefangenenwagen beobachtet. Der ägyptisch-amerikanische Journalist Adam (Hani Adel) wird durch einen Armeekordon geschoben. Sein Beharren auf Immunität macht ihn zum ersten Gefangenen. Ihm folgen Steine werfende Muslimbrüder, unbeteiligte Kinder und Frauen, auch Anhänger der Armee, die im Chaos der Straßenkämpfe ihre Sympathie nicht glaubhaft machen können. Bald ist der Wagen mit einem repräsentativen Querschnitt der ägyptischen Gesellschaft überfüllt, der Kleinkriminelle steht zwischen dem Arbeitslosen und dem Imam, die fröhliche Krankenschwester neben der frommen Hidschabträgerin. Später wird noch ein Soldat hinzukommen, der die Gefangenen mit Wasser versorgt und dafür bestraft wird. Tränengaswolken wehen in die dunkle Zelle aus glühendem Stahlblech, während draußen der Krieg tobt. Es sind beängstigende Bilder einer realen Gewalt, die sich in der Wahrnehmung mit jenen Bildern verknüpfen, die in Kriegsberichten geliefert werden.

Den Gegenentwurf friedlichen Zusammenlebens inszeniert Mohamed Diab, im Gefangenenwagen. Die klaustrophobische Enge fördert eine Solidargemeinschaft, die in diesem Umfeld aus Terror und Horror ein Traum bleiben muss. (p. a.)




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