Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 17.07.2018


Film und TV

,,The Cleaners“: Zwischen Müllbergen in den Slums und im Netz

Hans Block und Moritz Riesewieck beobachten in „The Cleaners“ in Manila Content-Moderatoren bei ihrer grausamen Arbeit.

© AutlookTausende Netzarbeiter suchen für philippinische Subunternehmen im Internet nach Hassbotschaften, Gewalt, Grauen und Pornographie.



Von Peter Angerer

Innsbruck – In einem Moment der Selbsterkenntnis bedankt sich Donald Trump während seines Wahlkampfs bei den sozialen Netzwerken, ohne die „ich wahrscheinlich nicht hier stehen würde“.

Bei einer anderen Wahlveranstaltung ist Rodrigo Dutert­e, der Präsident der Philippinen, zu sehen, der mit erschreckenden Analogien punkten konnte: „Hitler hat drei (!) Millionen Juden getötet. Ich möchte drei Millionen Drogenhändler töten.“ Da die beiden demokratisch gewählten Machthaber, die ihre Verachtung für die Press­e verbindet, für ein Interview nicht zu haben sind, zeigen Hans Block and Moritz Riesewieck in ihrem Dokumentarfilm „The Cleaners“ die Unterstützer der Politiker. Das sind einerseits die von Facebook und Google/Twitter angeführten Social-Media-Konzerne aus dem Silicon Valley und andererseits so genannte Content-Moderatoren, die die Schmutzarbeit erledigen.

Fünf dieser „Cleaners“ konnten Block and Riesewieck dazu überreden, unter Perücken im Halbdunkel verborgen, anonym vor ihrer Kamera über ihren Arbeitsalltag zu erzählen. In Zehn-Stunden-Schichten müssen sie das Netz nach Hass, Gewalt, Grauen und Pornographie durchsuchen und nach den ungenau definierten Vorgaben des Konzerns entweder auf die Taste für „Ignorieren“ oder „Löschen“ drücken.

25.000-mal muss sich etwa der für Bilder zuständige Moderator jeden Tag entscheiden, was die weltweite Netzgemeinde sehen darf, dabei werden ihm in einem Monat nur drei Fehler zugestanden. Ein Grenzfall sind Videos in Echtzeit. Wenn sich ein Mann vor laufender Kamera aufhängen möchte, darf der „Cleaner“ trotz eindeutiger Zeichen erst im Augenblick des Todes das Video löschen. Ein anderer Grenzfall sind Bilder von Enthauptungen, die aus Kriegsgebieten hochgeladen werden. Hier lassen die Filme­macher den Moderator, nach Tausenden solcher Bilder längst ein Spezialist des Terrors geworden, den Vorgang des Kopfabschneidens in allen grausigen Details rekonstruieren und zwingen so Zuschauer und Zuschauerin in die Position unfreiwilliger Voyeure. Es gibt allerdings auch Argumente, die gegen die Löschung dieser Bilder sprechen, könnten sie doch bei einer möglichen Aufarbeitung von Kriegsverbrechen eine Rolle spielen.

Nebenbei verfolgen die „Cleaners“, von denen in Manila bei Subunternehmen Tausende beschäftigt sind, auch private Agenden. Einer der Moderatoren, ein Anhänger Dutertes, möchte mit seiner Arbeit seinen Präsidenten unterstützen, während eine religiöse Moderatorin sich im Netz auf die Reinigung von „Sünde“ konzentriert. Mit einem Symbolbild illustriert der Film das Gemeinsame dieser prekär Beschäftigten. Sie haben nur die Wahl zwischen den Müllbergen in den Slums und jenen auf den Plattformen im Netz.

Die humoristischen Einlagen liefern Anwälte von Face­book und Twitter, die sich bei einer Kongressanhörung in Washington in „Message Control“ üben und nichts von philippinischen Zensoren oder Netzarbeitern wissen. Das Geschäftsmodell beruht im digitalen Raum auf Klicks und Polarisierung. Donald Trump hat auf Twitter 53 Millionen Follower, Kritiker werden gesperrt.