Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.07.2018


Film und TV

Das langsame Absterben der Gefühle

© PolyfilmLucia Mascino und Thomas Trabacchi in „Eine Geschichte der Liebe, nicht von dieser Welt“.



Innsbruck – Im Prolog ist Flavio (Thomas Trabacchi) ein unbekannter Mann, der mit Plastiksäcken zu einer Recyclinginsel kommt. Die Entsorgung der Flaschen ist noch eine leichte Aufgabe, während sich vor der Papiertonne Gewissensfragen eröffnen. Aber da bietet schon die lokale Beauftragte für Mülltrennungsfragen ihre Hilfe an. Fotos gehören nicht zum Altpapier, belehrt sie den Ignoranten. Aber warum heißt es dann Fotopapier? In dieser kleinen Episode breitet Francesca Comencini innerhalb einer Minute fast alle Missverständnisse über die chemischen Prozesse in der Dunkelkammer und in der Liebe aus. Die restlichen 90 Minuten von „Eine Geschichte der Liebe, nicht von dieser Welt“ bieten mehr Fragen als Antworten.

Für Sekunden ist Flavios Erscheinung mit gepflegtem Vollbart und einer Handvoll auf Papier fixierte Erinnerungen ein Hinweis auf eine andere, vordigitale Ära, als Claudia (Lucia Mascino), die Frau auf einem Schnappschuss, den Mitarbeiter eines Handyshops bedrängt, weil sie nach Hunderten gesendeter Kurznachrichten ebenso viele Anworten vermisst. Wir ahnen es, der Empfänger dieser Nachrichten war Flavio, der sich in dieser Notsituation nur durch die Entsorgung aller Erinnerungen gegen diese schwachsinnige Stalkerin wehren konnte. Claudia, wie Titania von Oberons Liebesnektar im „Sommernachtstraum“ betört, interpretiert die Geschichte ganz anders. Nach sieben gemeinsamen Jahren sieht sie in Flavios Verweigerung den endgültigen Liebesbeweis, der sie zu neuen Bemühungen anstacheln soll.

Es sind weder Klassen- noch Bildungsunterschiede, die zwischen Claudia und Flavio stehen. Beide lehren an einer römischen Universität Literatur. Aber schon der Start in das kurze Glück war holprig. Flavio fühlte sich anfangs von den Avancen der Kollegin geschmeichelt, den Rest hat er als Folter erlebt. Wenn ein Tag mit Lehrveranstaltungen anstand, wollte Claudia bis zum Morgengrauen ihren Kinderwunsch diskutieren.

„Eine Geschichte der Liebe, nicht von dieser Welt“ ist dennoch kein Drama über das Absterben von Gefühlen. Die Komödie entwickelt sich zaghaft aus den Rückblenden, die Claudia im Off kommentiert. Wenn sich Francesca Comencini, die Tochter des großen italienischen Komödienregisseurs Luigi Comencini (1916–2007), in politischen Debatten über das unterschiedliche erotische Haltbarkeitsdatum von Frauen und Männern verliert, sieht ihre Komödie in Stil und Ton ziemlich alt aus. (p. a.)


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