Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 31.07.2018


Kino

Geisterbeschwörung mit heißer Schokolade

Rechtzeitig zu Roman Polanskis 85. Geburtstag kommt sein neuer Film „Nach einer wahren Geschichte“ ins Kino.

© StudiocanalEva Green spielt mit sichtbarer Lust die diabolische Freundin und Doppelgängerin einer Schriftstellerin.Foto: Constantin



Innsbruck – Delphine (Emmanuelle Seigner) ist mit ihrem neuen Roman ein internationaler Bestseller gelungen. Leserinnen schwärmen bei der Signierstunde, sich im Buch auf faszinierende Weise wiedererkannt zu haben. Ein junger Mann möchte mit der persönlichen Widmung der Autorin seine Mutter überraschen. Damit hat es sich auch schon mit dem Humor, denn Delphine erzählt vom Selbstmord ihrer Mutter.

Diese Ausbeutung der Biografie wird in den sozialen Netzwerken aggressiv diskustiert, anonyme Erpresser verlangen Schweigegeld. Die auf dem Buchumschlag abgebildete Mutter bricht als Geist in Delphines Wohnung ein und wirft das Notebook aus dem Fenster. Unbehelligt von der Schwerkraft segelt der Rechner über den Innenhof und zerschlägt die Fensterscheibe einer gegenüberliegenden Wohnung. Die computergenerierte Geisterbeschwörung ist als symbolistischer Akt eine Einladung, durch die Filme Roman Polanskis des vergangenen Jahrhunderts zu fliegen, denn hinter den Fenstern harmloser Innenhöfe war stets das Grauen verborgen.

In „Ekel“ (1965) verlor sich Catherine Deneuve als Carol in einer Londoner Wohnung in mörderischen Halluzinationen. Mit „Rosemaries Baby“ revolutionierte Polanski 1968 den Horrorfilm, indem er den Teufel eine New Yorker Wohnung heimsuchen ließ, um das Böse in die Welt zu bringen. In „Der Mieter“ (1976) bezog Polanski als Trelkovsky eine Pariser Wohnung, deren Vormieterin aus dem Fenster gesprungen war und deren Schneidezahn er in einem Versteck findet. Es war sein eigener.

Roman Polanskis bereits 2017 beim Festival von Cannes uraufgeführter Film „Nach einer wahren Geschichte“ ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Delphine de Vigan, aber auch eine Überprüfung aller Neurosen und Albträume, von denen Polanski bisher als Kinohandwerker erzählt hat, um von seiner Biografie abzulenken.

Elle (Eva Green) stellt sich nicht nur als Delphines größte Verehrerin vor, sie kennt auch jedes biografische Detail der Autorin, die zuerst einmal vom Namen irritiert ist. „Elle“ ist im Französischen „sie“, also schiebt Elle „Elle wie Elisabeth“ nach, was noch keine Persönlichkeitsspaltung bedeutet. Bald steht Elle mit ihren Koffern vor Delphines Wohnung, noch schneller übernimmt sie die Position der Agentin.

Der Literaturbetrieb ist der diabolischen neuen Freundin nicht fremd, wenn sie als Ghostwriterin für Politiker und Filmstars auch nie den Ruhm einstreichen darf. Als Delphines Doppelgängerin übernimmt „sie“ unangenehme Auftritte in der Öffentlichkeit, blass und verängstigt fügt sich die Autorin in ihrer Schreibblockade jeder Schikane. Die heiße Schokolade, schon in „Der Mieter“ ein verdächtiges Gebräu, kommt auch bei Delphine zum Einsatz. Dazu liefert Alexandre Desplat Zitate von Bernard Herrmann, der mit seinen Orchesterstücken in Alfred Hitchcocks Filmen das Unheil angekündigt hat. In dieser unheimlichen Gespensterreise erweist sich Polanski, der am 18. August seinen 85. Geburtstag feiert und wahrscheinlich fast alle Ängste dieser Welt erfahren hat, als Eklektiker des Kinos der Angst. (p. a.)