Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.08.2018


Open Air Kino Zeughaus

Das Wunder von Mals: Ein gallisches Dorf im Apfelparadies

Mit Alexander Schiebels „Das Wunder von Mals“ über den Widerstand gegen die Chemieindustrie wird heute das 24. Open Air Kino eröffnet.

© dl ldö ldö „Gesunde Heimat für Menschen, Pflanzen, Tiere“: 75 Prozent der Malser stimmten 2014 für ein pestizidfreies Dorf.Foto: Real Fiction



Von Peter Angerer

Innsbruck – Noch in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ließ das US-Verteidigungsministerium Aufklärungsfilme produzieren, in denen wider besseres Wissen behauptet wurde, es genüge, vor atomarem Fallout unter einem Tisch Schutz zu suchen. Wer sich – 60 Jahre später – in Südtirol vor Umweltgiften fürchtet und diese Angst öffentlich macht, muss mit der Vernichtung seiner Existenz und einer Anklage rechnen. Davon erzählt Alexander Schiebel in seinem Film „Das Wunder von Mals“.

Die Bilder der Drohnenkamera vermitteln zuerst einmal eine geglückte Aneignung der Natur durch den Menschen. Die Monokultur aus Apfelbäumen – Baum, Betonsäule, Baum – sieht zwar etwas langweilig aus, die Dramatik der industriellen Idylle enthüllt sich aus einer anderen Perspektive. Von der Dachterrasse seines Hauses filmt ein Gärtner den durch die benachbarte Plantage fahrenden Sprühwagen, von dem der Wind eine Giftwolke über das Tal weht. Deshalb hält der Gärtner Petersilie und Schnittlauch unter einem Plastikdach. Aber wie schützt man spielende Kinder vor Pestiziden? Angesichts des Machbaren, der Natur den höchsten Profit zu entreißen, und der Ohnmacht bei der Vorstellung krebskranker Kinder in einer verheerenden Zukunft, entscheiden sich manche Bürger für den Widerstand.

Unter der Anleitung von Apotheker, Tierarzt und besorgten Müttern bildete sich 2013 in Mals eine Bürgerinitiative, die eine Volksabstimmung unter den etwa 5000 Bewohnern verlangte. Die Aktivisten nutzen das Bild des „gallischen Dorfes“, das nicht einmal den römischen Imperator respektierte. Aber was ist schon ein Caesar gegen Monsanto, Bauernbund und Landeshauptmann?

Um ängstliche Bürger nicht zu verschrecken, wurde eine Kampagne mit positiven Aussagen – „Gesunde Heimat für Menschen, Pflanzen, Tiere“ – gestartet und tatsächlich stimmten 75 Prozent der Malser 2014 für ein pestizidfreies Dorf. Als es darum ging, das Ergebnis umzusetzen, weigerten sich die Gemeinderäte der Südtiroler Volkspartei, das Ergebnis anzuerkennen. Einer der Gemeinderäte soll korrupt sein, einer der Aktivisten kennt ihn sogar, „aber ich sage nicht, wer“. Damit ist der Mann in juristischer Sicherheit, für den Film beginnen freilich die Probleme.

Die Aktivisten erzählen, wie sie und ihre Familien bedroht wurden. Der Landeshauptmann habe sie der Lügen bezichtigt. Die Apfelplantage eines Biobauern wurde mit Glyphosat verseucht. Alexander Schiebel folgt diesen Spuren nicht, befragt weder den Politiker, was er mit den Lügen gemeint habe, ignoriert auch den Polizeiakt, den es über den Anschlag eigentlich geben müsste. So bleibt „Das Wunder von Mals“ ein persönlicher Erlebnisbericht mit sympathischen Protagonisten über das große Abenteuer Demokratie und Widerstand in einem unheimlichen Land voller Äpfel.

Bereits morgen Donnerstag zeigt das Open Air Kino Zeughaus in „Tatis Schützenfest“. In Jacques Tatis Kinodebüt ist die Dorfwelt 1949 noch heil, obwohl sich das Chaos anzukündigen beginnt. Am 7. August ist „The Green Lie“ zu sehen. In Werner Bootes Film werden die dunklen Mächte hinter Politik und Chemie­industrie benannt.


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