Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.08.2018


Film und TV

,,Zuhause ist es am schönsten“: Familiengemetzel auf der Trauminsel

Gabriele Muccino nimmt in „Zuhause ist es am schönsten“ den Faden der boshaften italienischen Komödien aus den 60er-Jahren auf.

© FilmladenEine goldene Hochzeit für Feinschmecker: In Gabriele Muccinos Satire sind drei Schauspielgenerationen des italienischen Kinos zu sehen.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Egal, ob Geburt, Hochzeit oder Todesfall, im Kino hat sich für solche Familientreffen italienisches Personal bewährt. Bei Martin Scorsese und Francis Coppola kommt bei diesen Zusammentreffen noch ein mörderischer Hintergrund dazu, aber sogar für Robert Altmans Meisterwerk „Eine Hochzeit“ musste Vittorio Gassman anreisen, um 1978 den Patriarchen mit mafiosen Verbindungen zu geben.

Gabriele Muccino, der Hollywood mit „Seven Pounds“ und „The Persuit of Happiness“ zwei Blockbuster bescherte, zeigt in „Zuhause ist es am schönsten“, wie in Italien gefeiert und gestritten wird. Der deutsche Titel ist allerdings eine Verdrehung des Originals. „A casa tutti bene“ erzählt von der Krise einer Familie und ist trotz allem eine Komödie.

Auf der Fähre zur Insel Ischia­ begegnen sich Menschen, die sich seit Jahren aus dem Weg gehen. Es sind Geschwister, Cousins und Cousinen, Ex-Frauen und wiederverheiratete Ex-Männer, die beim Anblick ehemaliger Partnerinnen oder Gefährten zusammenzucken. Der einzige Trost dieser desolaten Familie ist die Aussicht, in ein paar Stunden diese Insel touristischer Sehnsucht wieder verlassen zu können. Dem Anlass konnte sich freilich keiner der Passagiere entziehen, denn Alba (Stefania Sandrelli) und Pietro (Ivano Marescotti) feiern ihre goldene Hochzeit, die alle Geladenen in einen vorübergehenden Zustand der Harmonie versetzen soll.

Mit unterdrückter Aggression erstürmen die 20 Gäste die herrschaftliche Villa, die Pietro vor Jahren in einem Erbschaftsstreit samt Pool, Palmen und Pinienwald als Schnäppchen erwerben konnte. Ähnliches Glück hatte der ehemalige Kellner mit einem römischen Restaurant, das mittlerweile von Hollywood-Stars frequentiert wird. Dass nicht alle Mitglieder des Familienclans von dieser Einnahmequelle profitieren, ist nur einer der offen ausgetragenen Konflikte. Der Waffenstillstand gilt für den kurzen Besuch in der Kirche und das von Alba gekochte Menü. Die Kinder planschen im Pool, die Erwachsenen versammeln sich um das (verstimmte) Klavier, Riccardo (Gianmarco Tognazzi) spielt Azzurro. So schön könnte es einmal gewesen sein: essen, trinken und singen. Dann wird die Zeit glücklicherweise schon wieder knapp, um die Fähre nicht zu versäumen. Aber ein Unwetter verhindert jeden Schiffsverkehr und die eben noch freundlichen Gäste verwandeln sich in wütende Gefangene. Die Villa wird zum Kriegsschauplatz.

Abgründe tun sich auf und jenseits der Metapher liefert die Topographie der Insel praktische Lösungen. Pietros Sohn Carlo (Pierfrancesco Favino), der das Restaurant leitet, erlebt die Liebe seiner eifersüchtigen Frau Ginevra (Carolina Crescentini) nur noch als Terror. Sie könnte über eine Klippe stürzen.

Carlos’ Schwester Elettra (Valeria Solarino), die seit Jahren die Augen vor der Untreue ihres Mannes verschließt, betrachtet das Fest als Überlebenstraining. Riccardo ist auf die Insel gekommen, um der Familie seine schwangere Freundin Luana (Giulia Michelini) vorzustellen. Seine Bitte um eine Stelle als Kellner wird von einer Welle der Verachtung weggespült, während Paolo (Stefano Accorsi) als Abenteurer und gefeierter Autor in den Wellen aus Liebe und Zuneigung zu ertrinken droht. In dieser langen Nacht der Demaskierung erweist er sich als jene Figur mit den größten moralischen Defiziten.

Gabriele Muccino nimmt in seiner Familiensatire den Faden der boshaften italienischen Komödien aus den 60er-Jahren auf. Diese glanzvolle Epoche repräsentieren auf wunderbare Weise Stefania Sandrelli, die ihre Karriere in Pietro Germis „Scheidung auf italienisch“ begonnen hat, und Federico Fellinis Star Sandra Milo.