Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 26.08.2018


Filmfestival

Das Suchen und Finden neuer Heimaten

Nikolaus Geyrhalters „Die bauliche Maßnahme“ kommt am 8. September ins Kino.<span class="TS_Fotohinweis">Foto: Filmladen</span>

© Nikolaus Geyrhalters „Die bauliche Maßnahme“ kommt am 8. September ins Kino.Foto: Filmladen



Freistadt – Heimaten sind beweglich. Davon erzählt diese Woche das Filmfestival „Der Neue Heimatfilm“ im oberösterreichischen Freistadt. Wie beweglich sie sein können, zeigt der kanadische Film „Mobile Homes“: Eine junge Mutter zieht mit ihrem achtjährigen Sohn heimatlos durch die Kälte des amerikanisch-kanadischen Grenzgebiets. Nach einem Streit befreit sie sich von ihrem kleinkriminellen Freund und flüchtet in ein leeres Fertighaus. Am nächsten Tag zieht am Fenster die Landschaft vorbei: Das Haus ist auf der Ladefläche eines Lkw unterwegs an einen neuen Ort. So einfach diese Metapher der „mobile homes“ visuell wirkt, so klar widerspricht ihr der Film auch: „Es ist ein Haus. Ein Heim ist das, was du darin aufbaust.“

Das Suchen und Finden einer neuen Heimat ist naturgemäß ein ständiges Thema des Festivals in Freistadt, das heuer sein 30-Jahr-Jubiläum feiert.

Oft sind es dabei die Jungen, die sich eine neue Heimat suchen, um von der alten ihrer Eltern wegzukommen. In „Korparn­a – Ravens“ will der Vater den Sohn mit allen Mitteln zur Hofübernahme im kargen Norden Schwedens bringen. Der Sohn hat eigene Pläne. „Mutig ist es wegzugehen, mutiger aber ist, wieder zurückzukommen“, meint die Mutter am Ende des Films.

Ein typischer Eltern-Teenager-Konflikt wird in der kanadisch-exiliranischen Produktion „Ava“ unter den problematischen Blickwinkel des Ethno-Films gestellt. Ist es nur die bürgerliche Mutter oder doch die fundamentalistische Gesellschaft, die die Titelfigur einsperrt? Auf eine eindeutige Anwort verzichtet der Film sicherheitshalber.

Heimat und deren politische Instrumentalisierung erforscht Nikolaus Geyrhalters „Die bauliche Maßnahme“, der zuletzt auch im Innsbrucker Open-Air-Kino im Zeughaus zu sehen war und am 7. September regulär anläuft. Der Film legt den absurden Anachronismus inner-europäischer Grenzpläne offen und macht sich am Brenner auf die Suche nach Zäunen in der Landschaft und in den Köpfen. Rechercheurin und Mitstreiterin Eva Hausberger präsentierte den Diagonale-Gewinner zur Eröffnung in Freistadt.

Viele andere Filme des Festivals zeigen vor allem eines: Heimat ist allzu oft kein konkreter Ort. Heimat liegt etwa in der Sprache, wie im Film über Thomas Bernhard bzw. dessen Vierkanthof in Ohlsdorf „Der Bauer zu Nathal“. Und manchmal liegt Heimat auch einfach in der Musik. Das zeigt das poetisch-semidokumentarische Porträt „Song of Granite“ über die irische Folk-Legende Seosamh Ó hÉanaí (Joe Heaney): Der verbrachte sein Leben großteils in der Ferne und meinte über seine irische Musik: „Für die paar Verse bist du ganz allein.“ Auch das sind Heimaten. (maw)