Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.09.2018


Zurcaroh

Aus dem Ländle ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Die Vorarlberger Artisten-Formation „Zurcaroh“ steht im Finale von „America’s Got Talent“. In wenigen Tagen überschlagen sie sich zum letzten Mal in der Luft – und vielleicht auch vor Glück.

© agtIm Halbfinale war der Jubel groß, Moderatorin Tyra Banks gratulierte den Artisten als Erste.



Von Gabriela Stockklauser

Hollywood — Die Antwort auf die Frage, wie es ein Götzner Turnverein in die weltweit größte Talentshow geschafft hat, ist so einfach wie bezeichnend: „,America's Got Talent' hat uns gefragt, ob wir mitmachen wollen", sagt Christoph Hämmerle, „und wir haben ,Ja' gesagt." So simpel ist es. Und so bodenständig sind sie. Die Körperkünstler aus der 11.500-Seelen-Gemeinde Götzis, gelegen an der Grenze vom Oberen zum Unteren Vorarlberger Rheintal.

Die Tiroler Tageszeitung erreicht Hämmerle auf seiner Reise aus den USA zurück nach Österreich. Eine gewohnte Strecke — mittlerweile. Seit Monaten läuft die Show. Seit Ende Mai kommen die Artisten von „Zurcaroh" Runde um Runde weiter. Und fliegen. Nicht hinaus aus dem Bewerb. Sondern hin und her. Und her und hin. Zwischen Götzis und den USA. Von Show zu Show.Wenig Zeit bleibt Christoph Hämmerle, seit er die Presseagenden von „Zurcaroh" übernommen hat. Denn je weiter die Akrobaten der Sportgemeinschaft Götzis sich bei „America's Got Talent" die Erfolgsleiter hinaufgeturnt haben, desto mehr Presseanfragen müssen beantwortet werden. Die kommen derzeit aus aller Herren Länder. Täglich.

Eigentlich war es bislang Peterson da Cruz Hora, der von der Akrobatik-Choreografie bis zur Öffentlichkeitsarbeit alle Agenden der Artisten erledigte. Seit dem durchschlagenden Erfolg auf internationalem Parkett geht sich das allerdings nicht mehr aus. Der geniale Mastermind hob die Truppe 2009 nicht nur aus der Taufe, sein Nachname verleiht — rückwärts geschrieben — den Artisten auch ihre klangvolle Bezeichnung: „Zurcaroh".

Im Halbfinale war der Jubel groß, Moderatorin Tyra Banks gratulierte den Artisten als Erste.
- Jordan Rabinovich

Der gebürtige Brasilianer hat sich derzeit Wesentlicherem als der Presse zu widmen: dem Training. Denn in etwas mehr als einer Woche steht das Grande Finale auf dem durchgetakteten Terminplan der Truppe. Am Dienstag, den 18. September, wird „Zurcaroh" die letzte Performance der derzeitigen 13. Staffel von „America's Got Talent" abliefern. Nicht irgendwo. Nein: auf dem Parkett des legendären „Dolby Theatre" am nicht minder märchenhaften Hollywood Boulevard.

Dabei hatte alles ganz harmlos und herkömmlich begonnen. Es war die Liebe, die Peterson da Cruz Hora einst ins Ländle lockte. Sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen, das war der Plan. Beides ging auf. Nur halt anders. Wie das so ist. Im Leben. Die lodernde Leidenschaft tauschte da Cruz Hora gegen die langlebige Liaison mit „Zurcaroh" ein.

Das Vorhaben von Familie mit eigenen Kindern gegen über 50 sozusagen uneheliche Kinder — größere und kleinere. So viele Mitglieder zählt der Verein nämlich. Athleten und Organisatoren im Alter zwischen sieben und 40. Sesshaft wurde Peterson da Cruz Hora auch in Götzis. Vorarlberger Dialekt inklusive. In Kombination mit seinem brasilianischen Akzent ein zauberhaftes Zusammenspiel.

Zu zauberhaften Zusammenspielen werden regelmäßig auch die kunstvollen Choreographien des Brasilianers. Er baut jedoch keine banalen Body-Pyramiden, lässt die Leiber nicht lieblos durch die Luft wirbeln. Nein: Da Hora Cruz erzählt Geschichten. Er singt lautlose Lieder mit leichtfüßigen Leibern. Das griechische „akrobates" meint in seiner wörtlichen Übersetzung „der auf den Fußspitzen Gehende". „Zurcaroh" ist ganz dicht dran. Präzise wie auf Zehenspitzen. Doch voller Kraft, Dynamik, Leben — und voll empfindsamer Erzählungen.

Sein Feingefühl ist vielleicht ein Überbleibsel aus seiner „ganz normalen brasilianischen Kindheit". Heißt auf Mitteleuropäisch: Kinderjahre voller Entbehrungen und Erfahrungen unerfreulicher Natur. „Ich danke Gott dafür, dass ich noch lebe", nur so viel sagt Peterson da Cruz Hora über diese Zeit. Und dass er sie allein durch sein hartes Üben überstanden hat. Durch die akrobatisch-artistische Arbeit an sich selbst.

Mit 14 Jahren hatte er diese Form der Kindheitsbewältigung für sich entdeckt. Durch ein Versprechen seines damaligen Trainers ist er dabeigeblieben. „Er hat mir damals ein Fahrrad versprochen, wenn ich einen Wettbewerb gewinne", so da Cruz Hora, „und: Ich habe gewonnen." Verkürzt ließe sich sagen: Weil der „Zurcaroh"-Mentor die sechs Kilometer in die Trainingshalle nicht mehr zu Fuß gehen wollte, ist die Vorarlberger Formation im Finale gelandet.Doch ist der derzeitige Erfolg bei der US-amerikanischen Talentshow bei Weitem nicht der erste in der „Zurcaroh"-Historie. Die Ausnahme-Artisten staubten nämlich schon zuvor namhafte Preise in Südafrika, Finnland, den Niederlanden, in Frankreich und Monaco ab. Nicht umsonst hat „America's Got Talent" angefragt — so einfach ist das, manchmal ...

Jurorin Heidi Klum hat die Truppe aus Österreich auch schon längst in ihr Show-Herz geschlossen.
- Jordan Rabinovich

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