Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 10.09.2018


Film und TV

Der Löwe brüllt in Roma

Die Netflix-Produktion „Roma“ von Alfonso Cuarón gewinnt den Goldenen Löwen beim Filmfestival von Venedig. Ein Wendepunkt für die Kinowelt.

© Kindermädchen Cleo (Yalitza Aparicio, l.) träumt auf dem Dach mit einem ihrer Schützlinge. Nach Feierabend geht sie gerne ins Kino.Foto: Carlos Somonte/Netflix



Aus Venedig: Marian Wilhelm

Venedig – „Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica della Biennale di Venezia“ nennt sich das älteste Filmfestival der Welt stolz und hat seit seinen Anfängen als faschistische Propaganda schon so manchen Sturm miterlebt. Mit seiner 75. Ausgabe befindet sich das Festival im Herzen des Taifuns, der gerade durch die Filmwirtschaft braust. Der Goldene Löwe ging heuer nämlich an „Roma“ und damit das erste Mal in der Geschichte des ältesten Filmfestivals nicht an einen Kinofilm. Die Kinolandschaft ist in Schockstarre.

Dabei geht Cleo, die Protagonistin des Films, durchaus gerne ins Kino. Aber sie lebt in den 1970ern im titelgebenden Stadtteil von Mexico City. Bei der Sieger-Vorstellung in Venedig fühlten sich die drei Kinoszenen durchaus anachronistisch an. Denn der Film des Autoren-Regisseurs Alfonso Cuarón wurde vom Streaming-Anbieter Netflix finanziert. In sanftem Schwarz-Weiß und in weiten Totalen erzählt „Roma“ die Geschichte einer einfachen Haushälterin.

Vom Startbild angefangen beweist Cuarón, der auch für die Kamera verantwortlich zeichnet, eine deutliche Sprache und Gefühl für starke Bilder. Und auch Selbstironie: Als Cleo ins Cinema Las Americas geht, läuft der Film „Marooned“ von 1969 mit Gregory Peck als Astronaut – eine Inspiration für Cuarón letztes Werk „Gravity“.

Doch Cleos Leben spielt sich weitaus weniger abgehoben ab. Sie ist eine Bedienstete im Haus einer Arztfamilie, kümmert sich um die vier Kinder. „Roma“ steht hier nicht nur in der Tradition des sozialkritischen Neorealismus, für den auch die Entscheidung für Schwarz-Weiß bürgt. Mit acht Jahren hatte der 1961 geborenen Mexikaner „Fahrraddiebe“ von Vittorio De Sica über ein anderes Rom gesehen. Cuaróns Film ist also eine doppelte Hommage an die eigene Kindheit. Am Ende des Films erscheint eine Widmung und rückwärts gelesen ist „Roma“ durchaus eine Liebeserklärung.

Die Festivalbesucher in Venedig und die Jury rund um Cuaróns Freund Guillermo del Toro hatten die Chance, „Roma“ auf der großen Leinwand zu genießen. Filmliebhaber in aller Welt sind nun in der verzwickten Lage, den Film zwar kurz nach seiner Weltpremiere sehen zu können, aber vermutlich nicht im Kino. Das offizielle Wording lautet nur: „Roma“ werde später in diesem Jahr in ausgewählten Kinos und auf Netflix verfügbar sein. Welche Kinos und ob Netflix ihnen womöglich doch einen Vorsprung vor dem Online-Release zugesteht, ist offen.

Netflix hat mit diesem Autorenfilm und dem Löwen jedenfalls einen weiteren Prestige-Coup gelandet. Mit den Milliarden an Expansions-Risikokapital, das der Konzern in teils ambitionierte oder persönliche Eigenproduktionen wie „Roma“ pumpt, wollen zaghafte Filmstudios zum Ärger von Regisseuren wie Cuarón oder Scorsese nicht mehr mithalten.

Mit dem Episoden-Western „The Ballad of Buster Scruggs“ der Coen-Brüder konnte der dominante Streamingdienst in Venedig sogar noch einen zweiten Löwen für das beste Drehbuch verbuchen. Alle weiteren Preise gingen dann doch an Filme mit Kinostart.

Yorgos Lanthimos erhielt den Großen Jurypreis für sein Adels-Drama „The Favourite“, Jennifer Kent, die einzige Frau im Wettbewerb, den Spezialpreis für das Rache-Abenteuer „The Nightingale“ (für das der Tasmanier Baykali Ganambarr auch den Preis für die beste Nachwuchs-Schauspielleistung erhielt).

Die beiden nach dem Faschisten Volpi benannten großen Schauspielpreise gingen an Olivia Colman (als Queen Anne in „The Favourite“) und Willem Dafoe als Vincent van Gogh in „At Eternity’s Gate“. Jacques Audiard erhielt für den Western „The Sisters Brothers“ den Silbernen Löwen als bester Regisseur.




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