Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 24.09.2018


“Zu ebener Erde“

Die Launen des Glücks auf der Straße

Die Doku „Zu ebener Erde“ begleitet fünf Obdachlose in Wien. Das Regie-Trio Birgit Bergmann, Steffi Franz und Oliver Werani über Vertrauen, gesellschaftliche Teilhabe und Johann Nestroy als Titelgeber.

Rund dreieinhalb Jahre begleiteten die Regisseure für „Zu ebener Erde“ Obdachlose in Wien.

© Stadtkino FilmverleihRund dreieinhalb Jahre begleiteten die Regisseure für „Zu ebener Erde“ Obdachlose in Wien.



Wie habt ihr eure Protagonisten ausgewählt?

Oliver Werani: Wir haben uns einfach auf der Straße auf die Suche gemacht und die Leute gefragt, ob und wie sie mitmachen wollen. Wir wollten auch Nicht-Anspruchsberechtigte, also Leute aus dem Osten, die nicht in Österreich gemeldet sind und keine Unterstützung bekommen, weil das der größt­e Teil der Obdachlosen in Wien ist. Das Schwierigste war es, eine Frau zu finden.

Steffi Franz: Diese haben wir schließlich über das Caritas-Frauenwohnzentrum gefunden, Hedy. Obdachlosigkeit bei Frauen läuft um vieles versteckter ab, das hat mit einem Sicherheitsrisiko zu tun und auch größerer Scham.

Wie gingen die Protagonisten mit der erhöhten Aufmerksamkeit um?

Birgit Bergmann: Zu Anfang waren wir viel ohne Kamera bei ihnen. Sie haben uns kennen gelernt und wussten, auf was sie sich einlassen. Dadurch haben wir Schockmomente ausgeschlossen und das Drehen eher als logische Konsequenz aus der Vorbereitung empfunden.

Werani: Das war auch für die meisten, trau ich mich zu behaupten, eine willkommene Abwechslung.

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Wie habt ihr die Balance zwischen den Gesprächen und dem Beobachten gefunden?

Bergmann: Im Schnitt war es ein langer Prozess, das stimmungsmäßig auszubalancieren. Wir wollten den Leuten eine Stimme geben, wir wollten sie aber auch in ihrem Alltag begleiten und sie als Menschen kennen lernen.

Ihr zeigt im Film ganz unterschiedliche Ecken von Wien. Wie hat sich das ergeben?

Werani: Wir sind einfach dorthin gegangen, wo uns die Leute hingeführt haben.

Franz: Die Szenen haben wir alle deswegen entwickelt, weil uns die Leute davor davon erzählt haben. Hedy hat erzählt, sie gehe auf die Uni und setze sich regelmäßig in Vorlesungen. Micha erzählte vom Tiergarten. Es war schon eine bewusste Entscheidung, über das Bekannte hinauszugehen. Da steht auch die Frage dahinter, inwieweit haben diese Menschen Hobbys? Wie viel Normalität gibt es in so einer Extremsituation noch?

Was für eine Rolle spielt Kultur in so einem Alltag?

Bergmann: Es ist schon klar, dass Obdachlose vom kulturellen und generell vom gesellschaftlichen Leben weitestgehend abgeschnitten sind. Sobald du nicht in der Lage bist, etwas zu konsumieren, bist du außen vor.

Eine andere Form der Teilhabe ist Politik. Ihr begleitet einen eurer Protagonisten auch ins Wahllokal bei der Bundespräsidentenwahl.

Bergmann: Mit Fredl sind wir einige Male in eine Trafik gegangen und haben ihn eine Zeitung aussuchen lassen. Bei ihm war es immer der Spiegel. Er ist politisch sehr interessiert.

Werani: Aber es wird ihnen keine Stimme gegeben.

Wie kam es zum Titel „Zu ebener Erde"?

Bergmann: Wir hatten viele Titel. Halblustige, lustige und schlechte. Es war schwierig, einen Titel zu finden, der nicht ein komisches Statement setzt. Im Testscreening verglich jemand das erste Bild unseres Films mit Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock". Komplett heißt Nestroys Stück ja „Zu ebener Erde und erster Stock oder Die Launen des Glücks". Hätte auch gepasst.

Das Gespräch führte Marian Wilhelm